Freitag, 11. März 2016

Im März gibt es noch Essen

Guten Morgen!

Zwei Welten prallen aufeinander - Cucaita und Regen

Es hat geregnet! Und das nicht wenig. Gestern Nachmittag fing es plötzlich aggressiv an zu gewittern und es kam wirklich viel Wasser herunter. Meine Familie saß mit mir gemütlich drinnen im Haus und freute sich. Als Sicherheitsmaßnahme stellten wir allerdings den Strom ab, der fällt bei der kleinsten Wetterveränderung gerne mal aus.
Wie auch letzten Sonntag. Gegen 4pm gingen in ganz Cucaita die Lichter aus und bis 7.45pm auch nicht wieder an. Auf solch einen langen Stromausfall ist man hier nicht eingestellt. Wir hatten genau zwei Kerzen zuhause, um die wir uns dann im Familienverband an den Esstisch hockten und ein bisschen Quality Family Time verbrachten, zur Abwechslung mal ohne fernsehen. Das Krasseste war aber, nach sechs Uhr durch das Dorf zu laufen, denn es war stockduster. Die Kolumbianer liefen ungerührt ohne Lichtquelle durch die Straßen. Ich frage mich bis heute, wie sie das anstellten.


Zwei Tage zum Feiern
Am Dienstag dem 8.3. war Weltfrauentag und die Kolumbianer feiern den definitiv mehr als ich das aus Deutschland kenne. Leider war ich nicht in der Schule, da ich Laura nach Bogotá begleitete, wo wir shoppen gingen und sie später ihre Eltern vom Flughafen abholte. Ansonsten hätte ich bestimmt eine Rose geschenkt bekommen, so meinten wenigstens meine Schüler. Ich erhielt jedoch einige WhatsApp-Nachrichten von Kolumbianerinnen mit der Aussage „Feliz día de la mujer!“
In dem Einkaufszentrum, das Laura und ich unsicher machten, hingen überall bunte Blumengirlanden herum, in welche große Deutsche unausweichlich hineinliefen.
Das Süßeste passierte nachmittags im Bus nach Tunja zurück. Der Busfahrer verteilte vor der Abfahrt Süßigkeiten an alle weiblichen Passagiere! Das fand ich schon sehr sympathisch.

Bereits zwei Tage später fand der „Día del género“, also genau übersetzt 'Tag der Geschlechter', also Frauen- und Männertag in einem statt. Außer an meiner Schule wird ihm keine Bedeutung beigemessen und auch meine Familie hatte keine Ahnung, dass er überhaupt existiert. Aber wenn es schon so einen Tag gibt, dann feiert man den auch. Das bedeutete also nur drei Stunden Unterricht, darauf folgte die feierliche „Bandera“. Bandera bedeutet Flagge und bei dieser Veranstaltung wurden
aus jeder Klasse zwei Schüler*innen mit dem korrektesten Verhalten geehrt,
die National- und Schulhymne gesungen,
dazu zwei Flaggen gehisst,
eine Ansage von Polizisten zur Haltung beim Singen der Hymne gemacht und
artistische Aufführungen einiger Schüler*innen bestaunt.
Schade fand ich, dass die Aufführenden fast nur Mädchen waren. Am día del género etwas schwach. Ich hätte Ballett tanzende Jungen total unterstützt.

Formación und Ehrung im San Felipe

Meine tanzenden Siebtklässlerinnen

Drei tanzende Zehntklässlerinnen

Nach der Pause fand „compartir“, also Teilen (von Essen und Zeit) in den einzelnen Klassen mit ihren Lehrern statt. Ich wurde von der 9.1 eingeladen und bekam sofort unzählige Plastikbecher und -tellerchen mit Essen in die Hand gedrückt. Es funktioniert hier ganz fantastisch, dass wirklich jede*r etwas mitbringt und es freudig mit allen teilt. Beliebt für solche Zusammenkünfte sind vor allem Milchreis und Cracker mit Arequipe. Außerdem gab es noch Limonade, Kuchen, Lollies und eine Art selbstgemachtes Curuba-Eis. Alles sehr sehr süß.
Weil das nicht genug war, setzten 'wir' Lehrer uns danach noch zusammen und aßen Obstsalat. Wir erinnern uns: Obstsalat in Kolumbien bedeutet Obst + Sahne + Eis + Käse. Muss ich erwähnen, dass ich danach dankend auf das Mittagessen zuhause verzichtet habe?

'Compartir' - Essen, trinken, quatschen im Klassenverband


~ Worte des Tages: „secretaria“ und „secretaría“. Das Betonungszeichen auf dem 'i' ist wichtig. Ersteres bedeutet nämlich Sekretärin und letzteres Sekretariat. Ups. In den letzten sechs Monaten habe ich unsere Schulsekretärin Maribel kontinuierlich als Sekretariat bezeichnet. Passiert.

Hasta luego,
Karla

Laura und ich haben uns mal wieder ausgetobt und Nachtisch für Milena gezaubert, die am Sonntag Geburtstag hatte

Donnerstag, 3. März 2016

Kolumbianer ausgefragt

Buenas tardes!

Heute kommt mal ein etwas anderer Post. Laura und ich haben unseren jeweiligen Kollegen im Lehrerzimmer einfach fünf für uns interessante Fragen vorgelegt, und das ist das Ergebnis.



Frage 1: Welche zwei Länder würdest du gerne bereisen?

- Frankreich und Italien
- Thailand und Mexico
- Frankreich und England
- England und Indien
- Deutschland und Italien
- Australien und Neuseeland
- Frankreich und Spanien
- Spanien und Deutschlan
- Deutschland und USA




Frage 2: Was sind die ersten drei Wörter an die du bei Deutschland denkst?

- Nationalsozialismus, Schwierigkeiten, Mysterium
- Schönheit, Fußball, nett
- Weit entwickelt, Konzentrationslager, Nazis
- Erneuerbare Energien, Nationalsozialismus, Bildung
- Wirtschaft, Regierung, Kultur
- Pünktlichkeit, Befolgung, Programmierung
- Schönheit, streng, reserviert
- Soziales System, Austausch, Wirtschaft
- Landschaft, Fröhlichkeit, Optimismus


Frage 3: Was ist ein falsches Vorurteil über Kolumbien?

- Die generalisierte Gewalt
- Der Konsum von Substanzen
- Wir seien alle Drogendealer
- Gewalt und Drogenhandel generalisieren das ganze Land
- Zurückweisung anderer Kulturen
- Drogenhandel und Guerilla
- Drogen
- Gefahr
- Drogenhandel


Frage 4: Was ist ein falsches Vorurteil über Deutschland?

- Die „Bosheit“
- Arroganz
- Rassismus
- Es gebe viele Nazis (x3)
- Alle seien streng
- Alle seien ernst


Frage 5: Was möchtest du über Deutschland wissen?

- Wie ist die Handhabung der Thematik des zweiten Weltkriegs?
- Sind dort alle blond, blauäugig und groß?
- Wie sehen die Bildungsmodelle aus?
- Modelle erneuerbarer Energien und der Bildung
- Über Landschaft, Kultur, Ernährung und Bräuche
- Mehr über die Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg – wie sich die Situation verbesserte, bis heute
- Über Bräuche und Essen
- Über die Menschen und ihre Kultur
- Über Sehenswürdigkeiten und Bräuche


Einige der Antworten stimmten mich ein bisschen betroffen, da das Bild Deutschlands im Ausland anscheinend immernoch stark von der Vergangenheit geprägt ist. Auf der anderen Seite ist erkennbar, dass sich die Befragten mit ihrer eigenen Kultur auseinandersetzen und keiner das negative Bild des "Drogenkolumbiens" unterstützen kann und wird. Genauso wenig wie ich.

Habt ihr Fragen, die ich vielleicht sogar einer bestimmten Zielgruppe stellen soll? Dann schreibt in die Kommentare.


 ~ Wort des Tages: "Tararear". Fantastisches Wort, oder? Es ist schon fast Onomatopoeia. Bedeutet summen.

Hasta luego, 
Karla

Mittwoch, 24. Februar 2016

In Kuhhöhlen unterwegs

Buenas tardes!

In diesem Beitrag möchte ich euch von echt europäischem Essen und unserem Wochenendtrip nach San Gil vorschwärmen. Außerdem habe ich schon lange nichts mehr von meiner Arbeit erzählt, das mache ich dann auch mal.

Deutsche bringen Italien nach Kolumbien
Die deutschen Köchinnen haben mal wieder zugeschlagen. Vorletzten Freitag liefen Laura und ich mit bereits vorbereitetem und schön aufgegangenem Teig durchs Dorf zu Familie Garcia, um mit den drei Schwestern und einem Freund Yulys (genannt Kevincito) Pizza nach italienischer Art zu backen. Die hier erhältliche Pizza ist nämlich absolut nicht mit der in Deutschland beliebten zu vergleichen. Hiesige Pizzen nennen sich „American Pizza“ und schmecken auch dementsprechend. Mir persönlich wird immer bereits nach einem Stück schlecht. Sehr fettig, fast immer Pizza Hawaii und wenn man Pech hat, ist der Rand mit Bocadillo gefüllt...

Wir legten also los, alles schnibbeln und sogar die Tomatensoße selber zusammenköcheln. Die Kolumbianer*innen hatten alle noch nie selber Pizza zubereitet, geschweige denn eine viereckige. Sie waren begeistert beim Belegen und natürlich beim späteren Aufessen dabei. Insgesamt buken wir unglaubliche fünf Bleche, sodass Laura und ich unserer jeweiligen Gastfamilie noch Abendessen vorbeibringen konnten.

Milena und Kevincito, fleißig am Schnibbeln.


Mal kurz ins Warme
Das Tolle an Kolumbien und seinen tausend Klimazonen ist ja, dass man einfach für ein Wochenende der Kühle Cucaitas/Tunjas enfliehen und sich ein paar Kilometer weiter bei über 25°C entspannen kann.
Also machten wir das auch. Gemeinsam mit fünf weiteren Freiwilligen fuhren wir am Freitag im Bus los nach San Gil, wo wir gegen 7pm ankamen und sofort in ein uns bereits bekanntes Restaurant mit dem wunderbaren Namen „Gringo Mike's“ einkehrten. „Gringo“ ist ein hier gebräuchliches Wort für US-Amerikaner. Leider wird es oft vergeneralisiert für Ausländer eingesetzt, da wehre ich mich immer stark gegen. Jedenfalls gibt es in dem Restaurant Burger, Pommes, Burritos und Quesadillas, und das alles sogar mit einem annehmbaren Vegetariermenü. Im Urlaub ist das Essensmotto immer: Alles, nur nichts typisch Kolumbianisches!

Die Schöne und das Biest (von rechts nach links).
Der Parque von San Gil bei Nacht. Wunderschön.

Der nächste Tag begann mit ausgiebigem Frühstück und darauffolgendem Besuch des Marktes. Mittags fand man uns etwas fertig von der Hitze in einem Eisladen, Limonada de Coco trinkend. Danach ging es postwendend los zur Hauptunternehmung des Tages, einer zweistündigen Höhlentour. Wir lernten die Kuhhöhle, die 'cueva de la vaca' kennen. Vielleicht kam der Name zustande, weil wir unserem Guide erst einmal über drei Weiden folgen mussten, um zum Höhleneingang zu gelangen. Vielleicht gibt es auch tiefgehendere Gründe. Wer weiß.

Ausgestattet mit den hässlichsten Klamotten, die wir kriegen konnten, Helm und Stirnlampe ging es unter die Erde. Bereits nach vier Metern durften wir beim durch-Felsspalten-Quetschen feststellen: so eine Höhlentour ist absolut nichts für klaustrophobe Menschen. Wir folgten einem kleinen Bachlauf bis zu dessen Ursprung ganz tief drin im Berg. Auf dem Weg watschelten wir im Entengang, krabbelten wie Spiderman, krochen wie Katzen und schwammen wie Nielpferde, je nach Höhe der Felsdecke über uns. Einmal mussten wir auch ein kleines Stück tauchen und dazu kam die Möglichkeit, eine Naturrutsche aus Fels und Schlamm hinunterzurutschen. Wie ein Kindertummeldschungel, nur im Dunkeln und mit beeindruckenden Stalaktiten und Stalagmiten drumherum. Diese Unternehmung war wesentlich spaßiger und spannender als vorher gedacht und lohnt sich auf jeden Fall.

Die Erleuchteten unter Tage.

Platzangst und Schrammen an Knien und Ellbogen.


Die Truppe.

Der Sonntag begann früh, damit wir ein paar Stunden in Barichara, einem nahe gelegenen Kolonialdorf, verbringen konnten. Es ist mit Villa de Leyva zu vergleichen, nur mit grünerer Natur. Hier wurden wir alle ausgiebig von Mücken zerstochen und machten, begeistert von der Aussicht, Fotos über Fotos.
Mangels offener Restaurants ging es zum Mittagessen zurück nach San Gil, zum dritten Mal ins „Gringo Mike's“. Nun haben wir quasi die gesamte Speisekarte abgearbeitet und sind bestimmt in die Stammgästeliste aufgenommen.


Das Cucaita-Team am Ende Baricharas.

Malerische Gassen, Barichara.


Ende-der-Welt-Foto.

Was heißt nochmal 'Ich'?
Noch ein paar Worte zu meiner fortgesetzten Arbeit in der Schule.
Seit Schulbeginn Ende Januar arbeite ich nur noch im Colegio, die Grundschule muss jetzt ohne mich klarkommen. Mit dieser Regelung, zu der ich selbst auch den größten Teil beigetragen habe, bin ich sehr zufrieden, da ich so mehr den Schüler*innen im Colegio beistehen und somit mehr bewirken kann.
Zum Verdruss der Schüler*innen (aber natürlich nur zu ihrem Besten) habe ich Vokabeltests für nahezu alle Klassen eingeführt. Diese schreiben wir nun alle zwei Wochen und der oder die Beste darf sich immer etwas aus meiner Geschenkekiste aussuchen (meistens Oreo-Kekse). Ich fand diese Maßnahme der Vokabeltests sehr nötig, da die Kinder jedes, aber wirklich jedes einzelne Wort im Wörterbuch nachschlagen. Es kommt nicht selten vor, dass sie mich sogar fragen, wie man 'ich' auf Englisch sagt... 
Weil ich Wettbewerbe so gerne mag, ziehe ich das Ganze noch etwas größer auf – es gibt einen langzeitigeren Kontest zwischen allen Kursen des Colegios. Die in den Tests gesammelten Punkte der gesamten Klasse werden zusammengezählt, eine Durschnittsnote errechnet und alle zwei Wochen in einer Tabelle ausgehängt, sodass man den Überblick behalten kann. Kurz bevor ich nach Deutschland zurückkehre gibt es dann die Auswertung und der Kurs mit den meisten Punkten gewinnt ein Blech Muffins, mit viel Herzblut von Laura und mir gebacken.
Meine Hoffnung ist, dass die Schüler*innen sich so gegenseitig mehr ans Vokabellernen erinnern, da ja die Punkte des gesamten Kurses zählen. Mal sehen. Bis jetzt geben sie sich etwas faul.


~ Wort des Tages: „Derroche“. Übersetzung: Verschwendung. Ist ein großes Thema hier, und ich höre das Wort nahezu täglich. Vor allem natürlich Wasserverschwendung wird groß angeprangert und versucht vorzubeugen. Auf der anderen Seite benutzt man weiterhin Plastikbesteck und Plastikbecher.

Hasta luego,
Karla


Freitag, 12. Februar 2016

Unter kolumbianische Kochdeckel gucken (Teil II)

Guten Tag ihr Lieben!

In diesem Post möchte ich euch mehr von dem kolumbianischen Essen erzählen. Was man so in einem normalen Tagesablauf aufgetischt bekommt, habt ihr ja bereits lesen können.
Hier kommen nun weitere Besonderheiten und Gerichte.

Süß oder salzig?
Während der ersten Tage in der Schule stellte ich fest, dass meine Mitmenschen ganz wild auf Süßes sind. Zu jedem Kinderfest und auch dazwischen wurden Lollis an die Kinder verteilt. Und auch der Direktor griff gerne zu. Bonbons und Lollis erfreuen sich überall großer Beliebtheit, dafür gibt es fast keine 'richtige' Schokolade. Nur Riegel aus Waffel oder Sandkuchen mit Schokoladenüberzug. Ich vermute mal, da pure Schokolade, wie wir sie von Milka kennen, der Bevölkerung zu teuer wäre. Wenn ich im Supermarkt richtige 100g-Tafelschokolade suche, finde ich nur welche aus Europa.
Es geht aber noch um Meilen süßer. Das wahrscheinlich süßeste Zeug, das man kaufen kann, nennt sich 'Bocadillo' (das doppelte L spricht man aus wie ein J), ist unnatürlich rot und besteht aus Guave ('guayaba') und Zucker. Das kann man pur essen, aber besonders beliebt ist es in Kombination mit Käse.
Dann gibt es noch 'Arequipe'. Alle Kolumbianer, die ich kenne, stehen darauf. Arequipe ist eine süße Karamellcreme, die man ebenfalls pur löffeln kann. Am leckersten ist sie allerdings auf leicht salzigen Kräckern.
Beides, Arequipe und Bocadillo, sind unheimlich gerne in Backwaren zu finden. Wo die Deutschen Marmelade reinpacken füllen die Kolumbianer (Käse und) Bocadillo oder Arequipe hinein. In Cucaita sehr beliebt: Roscón. Ähnelt einem Riesendonut, besteht aus etwas Teig und viel Luft, ist mit Kokos bestreuselt und beinhaltet selbstverständlich Arequipe.

Auf der anderen Seite scheint man wenig Gewürze zu kennen. Nur Salz, Salz ist wichtig. Bei der Menge an Kartoffeln, die wir hier verspeisen, haben wir immer einen ganzen Topf von dem weißen Zeug im Haus. Leider macht man nicht bei Kartoffeln und Rührei halt. Salz kommt auch auf den Salat. Dafür gibt es dann eben kein Dressing.

Arequipe der größten Marke.    (Quelle: http://www.la14.com)

Bocadillo con queso    (Quelle: http://www.cocinasemana.com)

Frische Roscones aus der Dorfbäckerei.

Brot ist nicht gleich Brot
Ich bin Deutsche, und als solche habe ich gewisse Ansprüche an Lebensmittel, die aus Mehl hergestellt werde und das Wörtchen 'Brot', bzw. 'pan' im Namen tragen.
Von Reisen ins Ausland lernte ich ja bereits, dass ich eigentlich nirgendwo ein schönes Dinkelvollkornbrot erstehen werde. Entsprechend mental vorbereitet kam ich hier an. Entsprechend positiv überrascht war ich von einigen Bäckereien in Tunja, in denen man zwar Brotlaibe vergeblich sucht, die aber eine sehr große Auswahl an unterschiedlichen leckeren Brötchen aufweisen können. Da gibt es Maisbrötchen, Weizenbrötchen, Baguettebrötchen, 'Sahne'-Brötchen und noch viel mehr, aber ich kann das Wort Brötchen nicht mehr hören. Fakt ist einfach, dass Brot gleich Brötchen ist, süß sein muss und normalerweise nicht aus Vollkorn besteht. Wenn man dann aber einmal Vollkornbrötchen findet, sind die gut. Weicher als gewohnt, aber gut.
Alle deutschen Freiwilligen vermissen jedoch inzwischen mehr oder weniger richtiges Vollkornbrot in Scheiben. Dieses gibt es im größten Supermarkt Tunjas aus Deutschland importiert zu kaufen. Laura und ich haben uns das bis jetzt ein Mal gegönnt. Es war himmlisch.

Wir schließen also: Kolumbien hat Bäckereien und die stellen gar nicht mal schlechtes Pan her. Was sage ich, das Pan de Maíz ist fantastisch.
Aber: Pan ist nicht gleich Brot.

In der Dorfbäckerei, Cucaita. Hier wird eher Einfaches gebacken und die Brötchen unterscheiden sich mehr in Form als Geschmack.


Mengenverhältnisse
Es verblüfft mich immer wieder, wie viele Geschwister meine Schüler*innen haben. Oft sind es zwei oder drei, nicht selten auch mehr.
Das Dorf Pijaos, in dem Laura arbeitet, scheint trotz seiner über 1000 Einwohner nur aus drei Großfamilien zu bestehen. Alle sind irgendwie irgendwo über tausend Ecken miteinander verwandt.
Worauf ich hinauswill ist: die Familien sind groß, entsprechend viel muss man einkaufen. Darauf sind auch die in den Supermärkten und Tante-Emma-Läden erhältlichen Mengen an Grundnahrungsmitteln ausgerichtet.
Eier kauft man grundsätzlich in 30-er Packs, ruhig auch fünf davon auf einmal.
Reis ist verdammt wichtig. Niemals würde ein Kolumbianer auf die Idee kommen, diesen in 500g-Tütchen zu kaufen, wie wir Deutschen. In den Supermärkten gibt es für gewöhnlich mindestens eine ganze Wand voll mit Reistüten, die jeweils glaube ich 2kg beinhalten. Aber auch das ist nach drei Tagen aufgebraucht. Ich weiß nicht wo sie ihn herbekommen, aber meine Familie schleppt manchmal einen 50kg-Sack voll Reis an.
Selbiges kann man mit Zucker machen. Brauner Zucker gilt hier als der normale Zucker und davon benötigt man im Alltag eine (ungesunde) Menge. So wie ich das sehe, benutzt man ihn vor allem für die Säfte und den Tinto (schwarzer Kaffee mit viel Zucker). Somit haben wir manchmal zuhause zwei riesige Säcke unter der Treppe stehen; einer gefüllt mit Zucker, der andere mit Reis.


~ Wort des Tages: „Mamarrachito“. Es gibt so Worte, die schmeißen mir meine Mitmenschen einfach so an den Kopf, als seien sie das normalste auf der Welt. Mamarrachito findet man in keinem Wörterbuch, aber die nicht-verniedlichte Form 'mamarracho' bedeutet Pinselei. Yuly benutzt es aber einfach als Synonym für Zeichnung.

Hasta luego,
Karla

Montag, 1. Februar 2016

Eigenartige Angewohnheiten

Guten Tag zusammen!

Heute möchte ich euch von ein paar Dingen erzählen, die hier einfach so anders sind, dass ich sie nicht unerwähnt lassen kann. Außerdem passiert gerade sonst nichts Interessantes.

Betten machen
In Deutschland schüttele ich einmal meine Bettdecke auf und gut ist. Hier wende ich jeden Morgen zehn Minuten auf, um meine drei Bettdecken vernünftig zu drapieren, denn das gehört hier zur Kultur und egal wie viel Stress man hat – das Bett wird gemacht.
Erst einmal werden alle Decken heruntergeschmissen und das Spannbettlaken gerichtet. Darauf kommt dann ein dünnes Laken, darauf eine riesige und einmal gefaltete Wolldecke. Nun schlägt man das am Kopfende hervorguckende Laken um, auf die Wolldecke. Hierauf breitet man die dünne Tagesdecke, zupft schließlich überall alles glatt und freut sich, dieses Projekt wieder einmal hinter sich gebracht zu haben. Bis zum nächsten Morgen.

So ist schon grenzwertig.
Busfahren
Wenn ich aus Cucaita heraus will, dann geht das ausschließlich per Auto oder per Bus. Um einen Bus zu nehmen, stelle man sich einfach wartend an die Hauptstraße.
Es gibt nämlich weder Fahrpläne noch Haltestellen.
Nähert sich ein Bus mit dem gewünschten Ziel, so suche man Blickkontakt mit dem Fahrer und strecke man den Arm winkend aus. Wenn das Vehikel nicht bereits alle Plätze besetzt hat (was durchaus vorkommen kann), wird es vor deiner Nase anhalten, um dich einsteigen zu lassen.
Der Bus selbst ist angelegt wie ein Reisebus, nur teilweise viel kleiner und nicht zum Stehen gedacht. Man suche sich einen Platz und genieße die Kurven, Schlaglöcher und gewagten Überholmanöver. Vor allem ersteres und letzteres gibt es reichlich.
Auf der Fahrt kann man sich mit dem Musikgeschmack des Busfahrers auseinandersetzen. Manchmal läuft Radio, manchmal hat der Fahrer seinen USB angeschlossen und man hört in Dauerschleife wahlweise Vallenato oder Bachata. Kommt man seinem Ziel näher, so krame man das zu bezahlende Geld möglichst passend heraus und schreie an der gewünschten Ecke einmal „¡Por acá por favor!“ (Hier bitte!) quer durch den Bus. Daraufhin hält er an, man klettert nach vorne, drückt dem Fahrer das Geld in die Hand und verabschiedet sich mit einem „Gracias, muy amable“ (Danke, sehr freundlich).
Es kommt durchaus vor, dass sich Leute mitten im Nirgendwo absetzen lassen, und alle anderen im Bus fragen sich dann „Was ist hier?“.
Auch muss man teilweise viel Geduld mitbringen, vor allem wenn man zur Rushhour einen der selteneren Busse braucht. Da kann man schon einmal 45min in der Mittagshitze an der Straße stehen und zwei volle Busse an sich vorbeirauschen sehen.

Dafür, dass das Busfahren hier auf einem für uns Europäer so unorganisierten System beruht, klappt es ganz fantastisch. Es ist einfach praktisch, nicht immer zu Haltestellen latschen zu müssen, sondern beliebig überall einen Bus anhalten kann. Und man kann sich, wenn die Busroute es zulässt, direkt vor seiner Haustür absetzten lassen!

Der kleine Bus von Cucaita nach Tunja.

Hitze, Kälte, Sonne
„¡Ay, qué frío!“ (Wie kalt!) werde ich jeden Morgen von meiner Gastmutter begrüßt. Selbst wenn sie in kurzer Hose herumläuft. Morgens ist es wirklich recht frisch, aber die Leute sagen es glaube ich einfach gerne, so wie der stereotype Brite sich ebenfalls immer über das Wetter unterhalten kann. Drei Stunden später bis gegen vier Uhr nachmittags kriegt man vor allem im Lehrerzimmer immer wieder den Satz „¡Qué calor está haciendo!“ (Was für eine Hitze!) zu hören. Ja, sobald die Sonne sich ein wenig eingewöhnt hat, brennt sie ganz schön.
Das Verhältnis der Kolumbianer, mit denen ich etwas zu tun habe, zur Sonne ist sowieso interessant.
Hier hat jeder dunklere Haut als ich, entsprechend besorgt reagieren sie immer, wenn sie mich in T-Shirt herumrennen sehen - „Hast du dich auch gut eingecremt? Verbrennst du dich so nicht?“. Tatsächlich holen sie sich noch schneller einen Sonnenbrand als ich. Das liegt daran, dass sie aus lauter Vorsicht immer lange Kleidung tragen und Tonnen an Sonnencreme benutzen. Irgendwie paradox, denn wenn sie das nicht täten, wäre die Haut ja an die Sonnenstrahlen gewöhnt und sie würden sich eben nicht verbrennen.

Laura und ich bereiteten letzten Samstag einen typisch deutschen Nudel-Gemüse-Auflauf für Yulys Familie zu.

Man war begeistert.

 ~ Wort des Tages: „Lagartija“. Das ist eigentlich eine Eidechse, aber ebenfalls das gebräuchliche Wort für Liegestützen. Wir gehen nämlich seit zwei Wochen in einer Mädelsgruppe fast täglich auf dem cucaitanischen Sportplatz sporteln.

Hasta luego,
Karla


Erste Impressionen unserer Shootings für das Cucaita-Video.


Team Cucaita auf Peña Parida.
Der Plaza de Bolívar in Tunja mit Regenwolken(!)

Montag, 25. Januar 2016

Im März wird es kein Essen mehr geben

Hallo zusammen!

„Im März wird es kein Essen mehr geben.“
So die dunkle Prophezeiung meiner Gastmutter.
Tatsächlich sieht es momentan in Boyacá und weiteren Teilen Kolumbiens landwirtschaftlich dystopisch aus. Mein Dorf Cucaita lebt vom Anbau von Zwiebeln, Erdbeeren und Kartoffeln oder von der Tierzucht. Doch inzwischen verdorren immer mehr Felder, gibt es immer weniger Einkommen bringende Ernte, kein Gras mehr für die Kühe. Die Familie einer Freundin besitzt eine Erdbeerplantage und lebt nur von dem Verkauf der Früchte und Änderungsschneidereien der Mutter. Ich weiß nicht, was sie machen werden, wenn die Plantage nun bald wegfällt.
Zurückzuführen ist diese Dürre auf den ausbleibenden Regen. Wie gesagt hat es in meinen fünf Monaten hier erst ca. drei Mal geregnet, und das auch nicht unheimlich ausführlich. Dazu kommt die Hitze und stechende Sonne des 'Sommers' (die Kolumbianer nennen es zumindest so, weil es ein bisschen wärmer ist als den Rest des Jahres über) und irritierenderweise Frost in der Nacht, da die Temperaturen bis auf -4°C fallen können. Total surreal.
Nicht nur dadurch, sondern auch durch das Fehlen von Wasser im Haushalt (zum Duschen, Wäsche Waschen, Geschirr Spülen, Kochen, Toilette Abspülen) merkt man sehr unangenehm den Klimawandel. Es kam schon vor, dass unser Wassertrank drei Tage lang in Folge leer blieb. So etwas ist nicht normal, das sagen alle. Es sei das erste Jahr, dass so etwas passiere. Leider wird es wahrscheinlich nicht das letzte sein.
Laura wird noch auf ihrem Blog zwei Bilder dazu hochladen – eines von unserem Dorf vor vier Jahren, grün und gesund, und eines von Cucaita heute. Bräunlich, kränklich, vertrocknet.

Der neue Bürgermeister, seit weniger als einem Monat im Amt, will deshalb nun knallhart auf Tourismus in Cucaita setzen. Gut, es ist ein 2000-Seelen Dörfchen, aber mit genügend Motivation und vor allem zwei tatkräftigen Deutschen schaffen sie das schon.
Laura wird somit in nächster Zeit verstärkt für das Rathaus arbeiten, zum Beispiel alles auf Englisch übersetzen, die Homepage aufpolieren und es besteht auch der Plan, ein Video über Cucaita zu drehen und es auf Youtube zu stellen. Da bin ich dann natürlich auch am Start.


Vier Tage Fiesta
Am 7.1. kamen Laura und ich zurück, am darauffolgenden Tag gingen die diesmal viertägigen Fiestas in Cucaita los. Für meinen Geschmack wurde zu viel Vallenato, Norteña und Tropical gespielt, aber vor allem der Sonntag war ziemlich cool. Bereits tagsüber versammelten sich unglaublich viele Menschen um und auf dem Dorfplatz, es war proppevoll, so sieht man Cucaita selten. Es fand eine Parade von geschmückten Autos statt, die uns Deutsche sehr an den (Kölner) Karneval erinnerte. Bloß blickte ich manchmal bei den Themen nicht ganz durch. Ein riesiger Schmetterling mit der Figur des Jesuskindes darin. Eine Blumenwiese und in der größten Blume die Figur der Jungfrau Maria. Einfach immer religiöse Aspekte einschmeißen, so erschien mir das Motto. Im Anschluss wurden in einer extra dafür aufgebauten Arena Stierkämpfe ausgetragen, die ich selbstverständlich nicht besuchte.
Am Abend wurde ein Feuerwerk veranstaltet und danach bis 4:00 getanzt. Merengue, wie man das erwartet.



Sechs Menschen, sechs Hunde
Am Montag war mein erster Schultag und ich hatte ich nichts zu tun. Das ist normal, andere der Freiwilligen machen die gesamte erste Woche nichts. Das liegt daran, dass noch keine Stundenpläne existieren und die Lehrer komplett wahllos Unterricht machen. Außer in meiner Schule, da gab es bereits ab Dienstag Stundenpläne für alle Lehrer, sodass ich bis Ende der Woche auch meinen eigenen fertigstellen konnte.
Aber am ersten Tag wohnte ich nur einer Besprechung der Lehrer bei, nutzte zwei Stunden lang das Internet, saß die nächste Besprechung durch und ging dann nach Hause.
Nachmittags traf ich mich mit fünf Freunden und ihren sechs Hunden und wir kletterten gemeinsam den Berg zur Piedra del Sol hoch (wo ich auch schon mit Yuly, Milena und Ximena war). Die Hunde kommen sonst selten zum Gassigehen raus, tollen normalerweise nur im Garten herum. Sie waren entsprechend glücklich über diesen Ausflug. Ich persönlich besteige inzwischen auch sehr gerne die umliegenden Berge, wieder zurück im Rheinland wird mir da etwas fehlen.

Hinweg durchs fast noch Grüne, das ist besonders.


Bei der Piedra del Sol angekommen, ein bisschen fertig.


Tannenzapfenschlacht!




Wie sah eigentlich mein Weihnachten aus?
Vom 24.12. habe ich, obwohl es bereits einen Monat her ist, noch gar nicht erzählt. Also.
Solange es noch hell ist, passiert nichts Besonderes. Somit konnte ich mittags in Ruhe mit meiner Familie in Deutschland skypen und dann bis abends chillen, da sich meine kolumbianische Familie zu einem Großeinkauf nach Tunja verkrümelt hatte. Als sie wiederkamen, gab es ein Buffet aus Pommes, Papaya, Bananen, Trauben, Keksen und Buñuelos (frittierte Maismehl-Käse-Bällchen) für die ganze Familie und auch unsere Haushälterin Martha und ihre Familie.
Irgendwann dazwischen vergaben wir unspektakulär die Geschenke – es bekamen nur meine kleine Nichte Lucia und ich etwas, außerdem die Familie etwas von mir.
Als es hier langweilig wurde, ging ich zwei Straßen weiter, um mich zu der Versammlung von Yulys Großfamilie zu gesellen. Um Punkt Mitternacht wünschte man sich 'Feliz Navidad'. Dabei umarmte jeder jeden und ich hatte das Gefühl, dass die Kolumbianer Weihnachten mit Silvester verwechseln. Im Anschluss wurden die Geschenke verteilt – diese kommen traditionell ohne Geschenkpapier aber in Geschenktüten und jeder bekommt eins oder zwei, jedes Mal wird geklatscht.
Als ich nach Hause kam, waren meine Eltern bereits ins Bett gegangen, aber meine zwei Brüder und zwei ihrer Kumpels waren in Feierlaune, und so fuhren wir fünf spontan ins nächstgrößere Dorf Samacá, wo auf dem Dorfplatz richtig Party war. An Heiligabend! Das habe ich auch noch nicht erlebt. Ganz anderes Weihnachten als ich es aus Deutschland gewohnt bin auf jeden Fall.


~ Wort des Tages: 'Bomba'. Dieses Wort kann ganz klassisch Bombe bedeuten, aber hier in Kolumbien auch noch eine Tankstelle oder ein Luftballon sein. Ganz nach Belieben.

Hasta luego,
Karla