Mittwoch, 1. Juli 2026

Von Warnblinkern, Protesten und Wäscheleinen - Besonderheiten in Chile

Hola!

Dieser Blogpost wurde primär gesponsort von Ich habe keine Lust darauf, meine Präsentation vorzubereiten.

Hier die angekündigte Geysir-Collage aus der Atacamawüste:

Sie sind alle so unterschiedlich! 


Besonderheiten in Chile

Ich weiß nicht, ob die Chilen:innen bzw. Santiaguinos europäischer sind oder ob mich nach dem Leben im kolumbianischen Kleinstdorf Cucaita nicht mehr so viel überrascht, aber ich habe für diesen Post nicht allzu viel gefunden. Ein paar Sachen aber schon: Hier ist meine sehr subjektive Aufstellung an chilenischen Besonderheiten des Alltags (geprägt natürlich vor allem durch mein Leben in der Hauptstadt).


Überall Zumba in Parks. 

Das bedarf nicht viel Erklärung. In den wärmeren Monaten konnte man abends an vielen öffentlichen Grünflächen laute lateinamerikanische Musik und ebenso motivierte Animation hören. Beim näheren Hinschauen entdeckte man dann eine instruierende Person auf irgendeiner Erhöhung und dahinter eine Gruppe sportlich gekleideter Menschen aller Altersgruppen, die enthusiastisch mittanzten.

 

Sie lieben Gruppenfotos. 

Das ist wahrscheinlich keine chilenische sondern eine generell lateinamerikanische Vorliebe, merken meine Mitbewohnis an. Jedenfalls bin ich auf unglaublich vielen Gruppenfotos drauf. Bei jeder Aktion mit Cauc (die studentische Internationale-Studierende-Bespaßungs-Initiative) werden mindestens drei verschiedene gemacht, nach jedem Tanzkurs machen wir ein Spiegelfoto zusammen. Bei meiner letzten Uni-Exkursion zu einer ehemaligen Mülldeponie, die jetzt ein Park ist, bestand Prof Kay natürlich auch auf ein Gruppenfoto (das er uns immer noch nicht geschickt hat). Und bei den wirklich anstrengenden funktionellen Kursen meines Fitnessstudios macht man auch nach durchgestandenem Training Gruppenfotos – durchgeschwitzt, knallrot und mit Puls auf 160.

Und die meisten landen noch nicht einmal auf Instagram. Also ich weiß nicht genau, wofür.

Die Abschiedsveranstaltung von Cauc letzten Samstag

Eins der Gruppenfotos nach einer der (viel zu anspruchsvollen) Bachatastunden


Die Liebe zum Warnblinker. 

Nirgendwo habe ich täglich so viele beidseitig blinkende Autos gesehen. Der Warnblinker ist so viel vielseitiger einzusetzen, als wir es uns vorstellen können. Nämlich generell für „Achtung, ich mache etwas anderes als geradeausfahren“.

Rechts an den Rand fahren? Warnblinker.

Mitten auf der Straße wenden? Warnblinker.

Ich stehe am Rand und werde jetzt auf die Straße wechseln? Warnblinker.

Ich verstehe das bis zu einem gewissen Grad. Es macht mehr Spaß, auf den roten Knopf in der Mitte drücken zu dürfen, als so ‘nen Hebel am Lenkrad um einen Zentimeter hoch- oder herunterzubewegen.


Wäsche waschen und aufhängen.

Das ist zumindest bei mir zuhause ein Thema. Wir haben eine WG-Waschmaschine – schonmal top. Diese hat lediglich einen Kaltwasseranschluss und darf nicht höher schleudern als auf 400, weil sonst die Sicherung rausfliegt. Andere Internationals haben einfach keine Waschmaschine und müssen immer in den Waschsalon, like in the olden days. Das Aufhängen bei mir in der Wohnung ist spannend. Es gibt keinen Wäscheständer. Dafür zwei Seile in unserem Innenhof, aber ohne richtigen Boden, weil wir im ersten Stock wohnen, und der Zugang ist durch ein Fenster. Auf die Seile passt bei weitem nicht alles einer Maschine, also sind vor meinem Fenster noch zwei metallene Rahmen, zwischen die man Seile spannen könnte und an die ich Kleinsachenaufhängungen wie im unteren Foto anbringe.

Wenn die Mitbewohnis die guten Kleinsachenaufhängungen benutzen, nimmt man mit diesem kreativen Utensil vorlieb. 

Die Aufhängsituation im "Innenhof"

Lasst euch nicht von der Kleidungswahl in den Fotos über die Temperaturen täuschen, das ist lange her und ich friere seit Wochen in Übergangsjacke vor mich hin. Es sind nachts um die null Grad und tagsüber bis zu 18 °C. Das heißt aber auch leider, dass mein Zimmer maximal 18 °C hat. Ich bin gerade zum dritten Mal erkältet.


Erdbeben und Aufstand.

Wenn man sich in Chile fragt „Warum sieht dieses Haus/diese Stadt so aus?“, dann ist die Antwort mit hoher Wahrscheinlichkeit entweder Erdbeben oder Estallido Social*.

„Warum wurde diese Kirche (spezifisch Nuestra Señora de los Dolores) ursprünglich neoklassisch gebaut und steht jetzt mit neoromanischer Architektur hier?“ Erdbeben.

„Warum stand das Schlösschen mal am Strand und droht nun jeden Tag, ins Meer zu stürzen?“ Erdbeben.

„Ist dieses Viertel gefährlich? Ich sehe überall Gitter vor den Fenstern.“ Nein, die Gitter sind dort seit dem Estallido Social, es ist eigentlich sicher hier.

"Warum trägt der Mann da drüben an der Ampel eine Augenklappe?" Estallido Social.

„Die Metrostation Baquedano ist so geräumig und neu, dabei ist sie eine der ältesten und umschlagstärksten Stationen, wie kommts?“ Sie wurde im Estallido Social komplett zerstört und danach neu gebaut.

„Warum benutzte dieses Weingut (Viña Cousiño Macul) Eiweiß im Mörtel seiner Gewölbe?“ Erdbeben.

„Warum gucken alle die Polizei so verächtlich an?“ Estallido Social.

„Warum ist diese Villa (Palacio Carrasco), die 1928 begonnen wurde zu bauen, immer noch nicht fertig?“ Lange Geschichte, aber letztendlich natürlich – Erdbeben. Vier verschiedene Erdbeben.

Das ist übrigens besagte durch vier Erdbeben immer wieder zerstörte/beschädigte Villa Palacio Carrasco. Sie steht in Viña del Mar.

Nochmal der Palacio Carrasco von vorne. 

*Kurzer Geschichtsexkurs: Der Estallido Social (Soziale Aufstand) begann im Oktober 2019. 

Ausgelöst wurde er durch bereits langfristig bestehende soziale Ungleichheit, eine Krise der politischen Repräsentation mit viel Misstrauen und die Auswirkungen des neoliberalen Wirtschaftssystems auf Sozialleistungen (Rente, Gesundheit, Bildung), aber spezifisch brachte die Ankündigung der Regierung unter Präsident Sebastián Piñera, die Preise für die Metro um 30 Pesos (ca. 3 Cent) auf 830 Pesos zu erhöhen, das Fass des Unmuts zum Überlaufen. Der Slogan lautete: “No son 30 pesos, son 30 años” – Es sind keine 30 pesos, sondern 30 Jahre. Hauptsächlich Studierende stürmten zuerst die Metrostationen Santiagos und dann die Straßen, auch in weiteren Städten. Es wurde viel zerstört – Bushaltestellen, Supermärkte, öffentliche Einrichtungen. Die Regierung sah sich gezwungen, die Preiserhöhungen zurückzunehmen, verhängte aber gleichzeitig den Ausnahmezustand, was Ausgangssperren und den Einsatz des Militärs zufolge hatte. Aber es war bereits alles losgetreten. Die Proteste wuchsen. Am 25. Oktober 2019 fand die größte Demonstration in der Geschichte Chiles statt – allein in Santiago marschierten 1,2 Millionen Menschen friedlich für Würde und Gerechtigkeit. Aber die Polizei (chilenisch: carabineros, abwertendes Wort: pacos) fing mit drastischen Repressionen an. Mit harten Gummigeschossen wurden Demonstranten bis zu Erblindung verletzt, tausende wurden festgenommen und misshandelt. Polizei war auch undercover bei den Demonstrationen dabei und nach Augenzeugenberichten an mehr Zerstörung beteiligt. Umfangreiche Berichte und Beweise dokumentieren systematische Polizeigewalt und schwere Menschenrechtsverletzungen. Bis zum 06.12.19 wurden 352 Personen mit Augenschäden registriert, was eine alarmierend hohe Zahl ist.

Am 15. November einigte sich die politische Klasse auf das „Abkommen für den sozialen Frieden und eine neue Verfassung“, die Proteste gingen mit schwankender Intensität aber weiter, bis sie abrupt durch das Ausbrechend der Corona-Pandemie im März 2020 beendet wurden.

Noch ein Fakt zur sozialen Ungleichheit: Der Einkommens-Gini-Koeffizient lag für Chile laut Weltbank im Jahr 2017 bei 45,3 %. Diese Zahl, die zwischen 0 und 100 % liegen kann, sagt aus, wie gleich oder ungleich das Einkommen im Land verteilt ist (0 % = vollkommende Gleichverteilung; 100 % = eine Person hat alles). Der letzte erhobene Einkommens-Gini in Chile ist aus 2024 und liegt bei 43 %. Für Deutschland liegt der letzte aus 2022 stammende Koeffizient übrigens bei 33,7 %, mit steigender Tendenz.


Und zu guter Letzt: 

Es gibt Feiertage und es gibt „Feiertage“. 

Das habe ich gestern gelernt. Gestern, am 29.6., war nämlich ein „Feiertag“, der heißt San Pedro y San Pablo. Niedlich, nicht? Mein Lieblingscafé, in dem ich mein halbes chilenisches Leben verbringe, um Essays zu schreiben, hat neuerdings auch sonntags offen. Ich sitze also am Sonntag drin und quatsche mit Barista Paz und Cafébesitzer Marcelo. Irgendwann frage ich:

„Habt ihr zufällig auch morgen, am Feiertag, offen? Ich muss bis Donnerstag zwei Essays fertigstellen und habe heute angefangen.“

Marcelo macht das Universalgesicht für Was weiß ich denn, ich bin hier nicht zuständig und prustet ein bisschen Luft aus, bloß, dass er hier definitiv zuständig ist.

Paz haut ihre Kollegin Cami in die Pfanne und springt mir bei:

„Sie muss zwei Essays fertigkriegen, Marcelo!“

Marcelo lässt sich zu keiner Aussage hinreißen, aber ich lerne, dass das Öffnen und Schließen von Cafés an manchen Feiertagen wohl einfach Verhandlungssache ist. Am Montagmorgen hat sich Marcelo entschieden und mir wird wieder einmal bewiesen, dass man in Chile ohne Instagram ein scheußlich uninformiertes Leben führen würde. Noch aus dem Bett öffne ich die vermaledeite App und sehe: Das Café hat sich für mein Studium und gegen das Ausschlafen von Cami und Marcelo entschieden. Beim Dorthinschlappen fällt mir auf, dass sogar mein Käse-und-manchmal-TK-Erbsen-Laden heute, am Feiertag, offen hat, obwohl er sonntags geschlossen ist.

Also, was will ich mit der Story sagen?

Es gibt in Chile sog. feriados irrenunciables (nicht verzichtbare Feiertage: 1. Januar, 1. Mai, die Nationalfeiertage 18. & 19. September, 25. Dezember), an denen die meisten Beschäftigten im Handel nicht arbeiten dürfen. Und dann gibt es feriados no irrenunciables (das ist wirklich das offizielle Wort), an denen darf größtenteils gearbeitet werden, wenn man denn Bock hat. Gut für mich und meine Hausarbeit über die Vertikalisierung des Stadtteils Santa Isabel in Santiago Centro, und auch gut fürs Café-Business, stellt Marcelo erfreut fest.


Saludos, 

Karla 


Zuletzt noch ein Blick in die Nationalbibliothek

Auch die Nationalbibliothek. Ein Raum voller altehrwürdiger Bücher, gespendet von José Toribio Medina (Bibliograph und Historiker), dem der gesamte Raum gewidmet ist.

Einfach ein toller Baum in "meinem" Park Parque Bustamante


~ Ausdruck des Tages: Estar chato de algo = etwas satthaben. Jetzt erinnern wir uns mal kurz alle an die letzten Ausdrücke des Tages für den folgenden fortgeschrittenen chilenischen Beispielsatz: „Ese weón me tiene chato con su wea.“ = Der Typ nervt mich mit seinem Zeug.

Freitag, 12. Juni 2026

Wüste Schönheit

Buenos días!

Es ist viel los auf der Südhalbkugel. Nach Surfen in Pichilemu folgten Wochenenden voller Kunstmärkte, Salsa/Bachata-Parties, dem Besuch des in der Stadt liegenden Weinguts Viña Cousiño Macul, einem Kurztrip nach Valparaíso (Kunst an jeder Hauswand!), und dem Día del Patrimonio Cultural (Tag des Kulturerbes) in Viña del Mar und Santiago. Dazu waren (und sind) die Wochen brechend voll mit Essays, Präsentationen und ein paar mehr Essays.

Zwei große Trips, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind hervorzuheben: San Pedro de Atacama vom 24.-27.04. – man denke Trockenheit, Wüste, coole Tiere. Und Patagonien vom 15.-25.05. – Gletscher, grüne Wälder, coole Tiere. Heute erzähle ich der Chronologie zuliebe von ersterem.

San Pedro de Atacama

Montag, 20. April 2026

Pichilemu heißt kleiner Wald, aber da ist nur Meer

Guten Abend,

während in Deutschland alles zu blühen anfängt, hört Karla in Santiago zu schwitzen auf. 

Foreshadowing. Nicht Santiago, sondern Pichilemu.

Es hat zwar weiterhin erst einmal geregnet und alles Grüne wird weiter kräftig bewässert, aber sobald die Sonne weg ist, kann man die Zwiebelschichten anfangen. Am Donnerstag waren es zum letzten Mal 27 Grad (davor max. 20 °C :o ), ich schiebe wehmütig die kurzen Sachen im Schrank nach hinten und gebe meinem Umfeld endlich Recht - der Sommer ist vorbei.

Genug übers Wetter.

Windig, salzwasserhaltig, empanadagefüllt und ausgeschlafen. Das war mein Kurzurlaub in Pichilemu vorletztes Wochenende. Um entspannte 10:00 Uhr fanden sich am Freitag (03.04.) ca. 30 Internationals und ein paar Chilen:innen im Reisebus zusammen und schliefen 3,5 Stunden lang, bis sie am kleinen für seine surfbaren Wellen hochgepriesenen Küstenort, der "chilenischen Hauptstadt des Surfens", Pichilemu, ankamen. Das Örtchen hat ~14.000 Einwohner, kein Haus ist über zwei Stockwerke hoch und der Strand ist grau-schwarz.

Nach einem Pizza-haltigen Mittagessen schlenderte die Truppe etwas über einen kleinen Handwerkskunst-Markt direkt am Strand, dann gingen wir verwirrt, spontan und ohne Tüten einkaufen, weil später keine Zeit mehr dafür sein würde, und dann setzten wir uns auf Pferde und ritten in den Sonnenuntergang. 

Auf der Suche nach Abendessen und während des 20-minütigen Wartens auf meine Empanada mit Käse, Tomate und Oregano ließen wir - und ca. 200 weitere Schaulustige - uns von einem als grüner Narr verkleideten Straßenkünstler unterhalten. Er veranstaltete einen Tanzwettbewerb zwischen bemerkenswert selbstbewussten Mädchen (zwischen 4-10 Jahre alt), mit Mikrofon, Lautsprechern und allem. Alle Teilnehmerinnen durften sich eine Musikrichtung aussuchen, alle wählten Reggaetón und alle lieferten ab. Solch ein Selbstbewusstsein werde ich im ganzen Leben nicht haben. Die Zuschauenden entschieden über Klatschen, wer in die nächste Runde kam. Die Gewinnerin erhielt stattliche 5.000 pesos (5 €). Entertaint und zufrieden mit einer frittierten Empanada (an der Küste frittiert man, im Rest des Landes werden sie gebacken) machten wir es uns darauf noch im Hostel gemütlich und erfreuten uns an der tollen Unterkunft. Dieses Hostel ist wirklich super gepflegt und gemütlich - überall stehen gesunde Pflanzen und Sitzmöglichkeiten herum und im Frühstücksraum gibt es sogar einen kleinen Yoga-Bereich. 

Das Silvestre Hostel in Pichilemu. Es inkludierte auch drei Katzen, von denen eine "Palta" heißt, was das chilenische Wort für Avocado ist.


In den begab ich mich direkt am nächsten Morgen, denn vor "Surfen um 12:00" gab es kein Programm. Beim Surfen um 12:00 Uhr zwängten wir uns in Neoprenanzüge, bemalten uns im Gesicht mit nicht-wegschwemmbarem Sonnenschutz und ließen uns minimal kurz von Surflehrern aus den unterschiedlichsten Ländern den fünfschrittigen Aufstehplan zeigen, durch dessen Befolgen man easy die Wellen zu reiten hat. 

Und rein in den Pazifik. 

Ihr müsst mir einfach glauben, dass das stattgefunden hat, denn es gibt tatsächlich keine Fotos von uns beim Surfen. Nach dem ersten Versuch fühlte ich mich schlagartig sehr wach. Der Versuch - und auch die folgenden - bestand hauptsächlich darin, sich von einer Welle vom Brett schwemmen zu lassen, mit der Gelassenheit einer Katze, die in die Badewanne fiel, wieder an die Wasseroberfläche zu kommen und dann mit Salz in den Augen das Surfboard gegen den Wind in Richtung der Gruppe zu tragen. Irgendwie hatte ich trotzdem Spaß.

Die Zeit ging super schnell vorbei und ich hätte gerne noch etwas länger herumprobiert und unabsichtlich Salz konsumiert. Aber wir hatten auch alle Hunger, und so bildete ich mit ein paar US-Amerikanerinnen und meinem australischen Mitbewohner eine Mittagessensgemeinschaft. Hier am Meer ist das vegetarische Leben schwieriger als in der Hauptstadt. Viele aßen Fisch, ich aß Pommes mit Spiegelei. 

Viel Zeit zum Ausruhen blieb danach nicht, denn es wartete mein fotografisches Highlight: Punta de Lobos bei Sonnenuntergang. Klippen über dem Meer, unter uns Surfer, die bei tiefstehender Sonne weit hinaus gepaddelt waren, um die richtig guten Wellen zu kriegen, und die ikonische Felsformation Rocas de Punta de Lobos, die so heißt, weil manchmal Robben (lobos marinos, wörtlich "Seewölfe") darauf zu sehen sind. Wir waren so früh da, dass wir sogar noch ausgiebig Churros auf den Klippen essen und dabei die Surfenden beobachten konnten, bevor es ernst wurde. Ernst für die folgenden Fotos.









Weil der Tag ja noch nicht lang genug war, ging es danach wieder auf Essenssuche und es wurde die nächste Käse-Empanada verspeist, denn man stärkte sich für den Club. Bisher war ich hier nur auf Salsa/Bachata-Partys und das hier war mein erster chilenischer Club. So mit Reggaetón, der im Laufe des Abends immer mehr mit Techno vermischt wurde, und sehr voll wurde es dann auch. Dementsprechend sieht meine Bewertungskurve des Clubabends auch eher invertiert logistisch aus. 

Der Ostersonntag wurde angemessen gemächlich angegangen, aber Mitreisender Jorge ließ es sich nicht nehmen, überall im Hostel kleine Schoko-Ostereier zu verstecken. Ein paar wurden erst später vom Putzpersonal gefunden. Einer spontanen Empfehlung einer Taxifahrerin folgend, setzte ich mich mittags mit einer kleinen Gruppe in den Nachbarort Cáhuil ab. Dort gibt es drei Dinge: eine hübsche Lagune, einen kleinen Kunsthandwerksmarkt und Salinen. Als brave Tourist:innen tuckerten wir also zuerst mit einem Ruderboot etwas über die Lagune, schlenderten dann über den kleinen Markt mit Salz, Seetang, Magneten, Mitbringseln, Manjar (= Dulce de Leche) und mehr Salz, aßen die obligatorische Empanada des Tages, und liefen zu Fuß durch das niedliche ruhige Dorf Cáhuil, über eine Landstraße ohne Fußweg, bis zu einem Aussichtspunkt über einer kleinen Saline. Ein wirklich hübscher ruhiger Ort. Alle kauften ein Säckchen Kilo Salz und dann marschierten wir wieder zurück.

Auf der Heimreise im Bus stellten wir fest, dass halb Chile an diesem Tag um diese Uhrzeit nach Santiago zurückkehrte und standen zwei Stunden lang auf verstopften einspurigen Landstraßen herum. Aber davon ließ sich niemand beeindrucken. 



Das muss alles so schräg, für den Vibe.


Diese Architektur habe ich hier bisher noch nicht gesehen, aber in Cáhuil standen viele solcher Holzhäuser auf Stelzen.

Pittoresk liegende Straße zu der Saline.


Die Gruppe ganz lieb vor der Saline.

Die Gruppe in komischer vor der Saline.


Saludos, 
Karla

~ Wörter des Tages: "la polera" und "el polerón". Wir lernen jetzt einfach nochmal neue Wörter für Alltägliches. T-Shirt und Pullover nämlich. Bisher dachte ich (aus dem Spanischunterricht und Kolumbien), dass das camiseta und suéter heißt, aber nein. Nicht hier. Heute war ich nämlich auf dem Persa Biobio, einem einen ganzen Stadtteil einnehmenden Markt, auf dem man wirklich alles kaufen kann, auch sehr gut gebrauchte Kleidung. 


Als letztes noch ein kleiner Eindruck von den Salsa- & Bachatakursen im Park, zu denen ich jede Woche gehe.

Dienstag, 31. März 2026

Wie viele Hügel passen in einen Monat?

Ich grüße euch Menschen der Nordhemisphäre,

schon einen Monat lang bin ich hier in Santiago! Jeden zweiten Tag fragen mich Chilen:innen, was ich alles schon von ihrem Land gesehen habe, und jedes Mal muss ich sagen, dass ich nur die Hauptstadt kenne. Und dann flippen sie aus und überschütten mich mit Vorschlägen, was ich alles besuchen muss. Sie haben ja Recht. Aber bisher bin ich auch gut mit Hier-alles-Einrichten-und-Kennenlernen, mit Uni und mit Tanzen beschäftigt.

Was ist so passiert?

  • Karla ist umgezogen. Sie wohnt nun mit vier anderen jungen Leuten (teilweise Studis, teilweise arbeiten sie) und dem dazugehörigen Vermieter in einer ruhigen WG in wohl einem der schönsten Viertel Santiagos, Providencia.

Mein kleines Zimmer, vor Bezug.
Aussicht aus meinem Fenster. Katzencount: 5

Ich hatte mir vor Kennenlernen dieser Wohnung nie bewusst gemacht, wie anstrengend es sein muss, einen Platz für die chilenische Landkarte zu finden. 

  • Winter ist coming. Das sagte zumindest Laura vor einer Woche, als man am ersten bewölkten Tag, den ich hier erlebte, tatsächlich etwas Langärmliges tragen musste. Ich sitze zwar gerade bei den angenehmsten 25 Grad in einem Café, aber für die Chilen:innen ist der Sommer bei so etwas vorbei und der Herbst beginnt. Einmal hat es sogar bisher geregnet!
  • Am vergangenen Donnerstag (26.3.) kam ich zu spät zur Uni, weil die Metro zeitweise schloss. Das tut sie anscheinend gerne bei jeglicher öffentlicher Unregelmäßigkeit. Diesmal waren es studentische Proteste gegen die Maßnahmen der neuen Regierung unter Kast. Spezifisch gegen die Kürzung des Bildungsbudgets um drei Prozent (die Ausgaben aller Ministerien sollen um diesen Prozentsatz reduziert werden) und den Vorschlag, kostenlose Hochschulbildung für Menschen über 30 Jahren abzuschaffen. Dazu kommt Unzufriedenheit mit den seit Donnerstag auch hier drastisch angestiegenen Kraftstoffpreisen, nachdem die Regierung (wegen und zusätzlich zum aktuellen weltweiten Preisanstieg) Subventionen/Stabilisierungsmaßnahmen gestrichen hatte.

Ich bin heute extra nochmal zu der Tankstelle gelaufen, um euch ein aktualisiertes Preisbild geben zu können. Wenn ihr das Komma um drei Stellen nach links verschiebt, sind wir quasi bei Euro (Aktuell ist 1,00 Euro = 1.068 Chilenische Pesos).

  • Die Uni. Wie sich schon im ersten Post abzeichnete, habe ich mit meinen zwei Kursen (á 6 ECTS) genug zu tun, vor allem, wenn ich an den Wochenenden etwas unternehme:

 

Planificación del Desarrollo Urbano: 

Wir sind inzwischen drei Studentinnen und ein Doktorand. Jede suchte sich ein chilenisches Fallbeispiel zu kontroverser Stadtplanung heraus und nun lesen wir jede Woche neue Literatur und wenden die daraus erlernten Methoden auf unseren Fall an. Das heißt, dass ich jede Woche ein paar Powerpoint-Slides zum Costanera Center (einer riesigen umstrittenen Mall mit Büros) erstelle und diese dann donnerstags vortrage. Mit mindestens zwei grammatikalischen Fehlern pro Satz, weil ich auf Spanisch mit solchen Themen noch nie in Berührung gekommen bin. Dazu kommen dann drei über das Semester verteilte Ausarbeitungen. Profe Magdalena ist auch Dekanin und hat uns der winzigen Kursgröße wegen in ihren Konferenzraum verlegt. Das bringt den eindeutigen Vorteil mit sich, dass wir hier immer Wasser und manchmal sogar Kaffee von ihrer Sekretärin serviert bekommen.

Gestión Ambiental Urbano

Wir sind 13 Personen, super paritätisch aufgeteilt. Auch hier wählen wir gerade Fallbeispiele in Santiago aus, anhand derer wir existierende Umweltprobleme erforschen. Ich werde mir Urban Heat Islands anhand des Stadtteils Recoleta ansehen. Dazu erstellten wir bis Freitag Diagramme, um die systemischen Zusammenhänge darzustellen, und geben in knapp zwei Wochen gleich zwei Ausarbeitungen dazu ab. Der dazugehörige Prof Kay ist nie ohne seine Mate anzutreffen und formuliert Aufgabenstellungen so maximal konfus, dass es in unserer Studi-Whatsappgruppe nach dem Kurs immer turbulent zugeht. Dafür haut Kay aber auch gerne chilenische Sprichwörter und Anekdoten heraus, wodurch ich auch nicht-Fachliches lerne.

 

Karla auf den Hügeln

Ich halte bisher die erfolgreiche Streak, jedes Wochenende auf irgendeinen (mal kleineren, mal bergigeren) Hügel hinaufgelaufen zu sein. Auf den Cerro San Cristóbal folgte Cerro Manquehuito und dann der Cerro Santa Lucía – der zählt nur vom Namen her, das ist wirklich nur eine kleine Anhöhe mitten im Stadtzentrum.


Cerro Manquehuito mit Juan Carlos
Aussicht vom Cerro Santa Lucía mitten im Stadtzentrum
Am Fuß des Cerro Santa Lucía mit Jess

Gestern lief ich spontan mit fünf Leuten, von denen ich vorher nur meinen Mitbewohner kannte, etwas weiter weg zum Salto de Apoquindo, also einem Wasserfall. 
8,5 km hoch, 8,5 km runter. 
Verdammt anstrengend mit der sengenden (herbstlichen!) Sonne, aber die quasi semi-aride Landschaft (wenn auch per Definition mediterran) zahlte es uns mit Schönheit zurück. Wir trabten an riesigen, teilweise in Blüte stehenden Kakteen vorbei, duckten uns unter Seifenrindenbäumen hinweg und genossen einfach die Ruhe inmitten dieses Vorgebirges. Ich lernte, dass 1,2 Liter Wasser für solch eine Exkursion bei weitem nicht ausreichen und folgerichtig, meinem Magen das Flusswasser anzuvertrauen. (Das Wasser war köstlich und hat niemandem geschadet.) Mit An- und Abreise in Metro und Bus (genannt Micro) waren wir 11 h unterwegs.

Im Parque Natural Aguas de Ramón, auf dem Weg zum Wasserfall.

Unterwegs gab es zwei Mal Handyladestellen!


Angekommen am Salto de Apoquindo. Der liegt übrigens auf ca. 1.600 m Höhe.

Team Geschlosseneaugen: Mario, Vale, Karla, Daniel, Max.

Die sechste im Bunde, Lissi, lief immer vor und verpasste die Fotos.

Und was mache ich, wenn ich nicht auf Hügel hochlaufe?

  • Montags bis mittwochs steht immer was-für-die-Uni-Tun an. Dafür habe ich ein superschönes Café 2min von meiner Wohnung entfernt für mich entdeckt, wo nie viel los ist, der Cappuccino 2,80 € kostet, richtig gute Musik läuft und die Baristas mich inzwischen kennen und mir Tipps für meine Projekte geben. Dort arbeite ich mich durch Lektüren über rational-komprehensive und systemische Städteplanung, erstelle PowerPoint-Folien und Diagramme und manchmal schreibe ich auch Blogposts.
  • Drei Mal die Woche finden in einem Park Salsa- und Bachatakurse statt, zu denen ich bisher zwei Mal am Dienstag ging und immer mehr Internationals mitschleppe. Eine Stunde Bachata, eine Stunde Salsa, danach kurz freies Tanzen. Die Kurse finden in drei Niveaustufen statt, die sich wirklich stark unterscheiden. So Freilufttanzen hat einfach immer was!
  • Dazu fand ich vergangene Woche endlich ein Fitnessstudio, das mich wirklich begeistert, sodass ich auch dort einige freie Stunden meiner Tage verbringen werde.
  • Und dann gibt es noch in unregelmäßigen Abständen durch cauc (die Internationale-Studierende-Bespaßungs-Initiative von Studis meiner Uni) Veranstaltungen wie „Kommt, wir gehen in ein Katzen-Café“, „Diesen Hügel müsst ihr auch noch sehen“ oder „Die nationalen Feiertage sind zwar schon seit September vorbei, aber kommt am Samstag in diesen Park und dann spielen wir das ein bisschen für euch nach“. Am Mittwoch sahen wir gemeinsam den chilenischen Spielfilm Mala Junta im Unihörsaal.
Spiele im Park wie bei den Nationalfeiertagen zum 18. September. 

Außerdem gab es das für diese Feiertage typische Getränk "Terremoto" (Erdbeben), das aus Ananas-Eis, Granadina und Vino Pipeño (bestimmter chilenischer Wein) besteht.


Am Ende wurde den Teilnehmenden noch der traditionelle chilenische Tanz Cueca, den man immer mit Taschentuch zu bestreiten hat, beigebracht.

Saludos, 

Karla


~ Wort des Tages: „Viejito Pascuero“. Ihr dachtet, Weihnachtsmann auf Spanisch heißt Papá Noel? Nope, nicht in Chile. Hier nennt man ihn „Alter Oster..ling“ oder so. Jedenfalls referiert man damit Pascua, also Ostern. Ich hatte gerade eine lange Diskussion mit meinen Lieblingsbaristas darüber und sie sind selbst verwirrt, warum sie manchmal (!) Weihnachten (Navidad) als Ostern (Pascua) betiteln.