Dienstag, 31. März 2026

Wie viele Hügel passen in einen Monat?

Ich grüße euch Menschen der Nordhemisphäre,

schon einen Monat lang bin ich hier in Santiago! Jeden zweiten Tag fragen mich Chilen:innen, was ich alles schon von ihrem Land gesehen habe, und jedes Mal muss ich sagen, dass ich nur die Hauptstadt kenne. Und dann flippen sie aus und überschütten mich mit Vorschlägen, was ich alles besuchen muss. Sie haben ja Recht. Aber bisher bin ich auch gut mit Hier-alles-Einrichten-und-Kennenlernen, mit Uni und mit Tanzen beschäftigt.

Was ist so passiert?

  • Karla ist umgezogen. Sie wohnt nun mit vier anderen jungen Leuten (teilweise Studis, teilweise arbeiten sie) und dem dazugehörigen Vermieter in einer ruhigen WG in wohl einem der schönsten Viertel Santiagos, Providencia.

Mein kleines Zimmer, vor Bezug.
Aussicht aus meinem Fenster. Katzencount: 5

Ich hatte mir vor Kennenlernen dieser Wohnung nie bewusst gemacht, wie anstrengend es sein muss, einen Platz für die chilenische Landkarte zu finden. 

  • Winter ist coming. Das sagte zumindest Laura vor einer Woche, als man am ersten bewölkten Tag, den ich hier erlebte, tatsächlich etwas Langärmliges tragen musste. Ich sitze zwar gerade bei den angenehmsten 25 Grad in einem Café, aber für die Chilen:innen ist der Sommer bei so etwas vorbei und der Herbst beginnt. Einmal hat es sogar bisher geregnet!
  • Am vergangenen Donnerstag (26.3.) kam ich zu spät zur Uni, weil die Metro zeitweise schloss. Das tut sie anscheinend gerne bei jeglicher öffentlicher Unregelmäßigkeit. Diesmal waren es studentische Proteste gegen die Maßnahmen der neuen Regierung unter Kast. Spezifisch gegen die Kürzung des Bildungsbudgets um drei Prozent (die Ausgaben aller Ministerien sollen um diesen Prozentsatz reduziert werden) und den Vorschlag, kostenlose Hochschulbildung für Menschen über 30 Jahren abzuschaffen. Dazu kommt Unzufriedenheit mit den seit Donnerstag auch hier drastisch angestiegenen Kraftstoffpreisen, nachdem die Regierung (wegen und zusätzlich zum aktuellen weltweiten Preisanstieg) Subventionen/Stabilisierungsmaßnahmen gestrichen hatte.

Ich bin heute extra nochmal zu der Tankstelle gelaufen, um euch ein aktualisiertes Preisbild geben zu können. Wenn ihr das Komma um drei Stellen nach links verschiebt, sind wir quasi bei Euro (Aktuell ist 1,00 Euro = 1.068 Chilenisches Pesos).

  • Die Uni. Wie sich schon im ersten Post abzeichnete, habe ich mit meinen zwei Kursen (á 6 ECTS) genug zu tun, vor allem, wenn ich an den Wochenenden etwas unternehme:

 

Planificación del Desarrollo Urbano: 

Wir sind inzwischen drei Studentinnen und ein Doktorand. Jede suchte sich ein chilenisches Fallbeispiel zu kontroverser Stadtplanung heraus und nun lesen wir jede Woche neue Literatur und wenden die daraus erlernten Methoden auf unseren Fall an. Das heißt, dass ich jede Woche ein paar Powerpoint-Slides zum Costanera Center (einer riesigen umstrittenen Mall mit Büros) erstelle und diese dann donnerstags vortrage. Mit mindestens zwei grammatikalischen Fehlern pro Satz, weil ich auf Spanisch mit solchen Themen noch nie in Berührung gekommen bin. Dazu kommen dann drei über das Semester verteilte Ausarbeitungen. Profe Magdalena ist auch Dekanin und hat uns der winzigen Kursgröße wegen in ihren Konferenzraum verlegt. Das bringt den eindeutigen Vorteil mit sich, dass wir hier immer Wasser und manchmal sogar Kaffee von ihrer Sekretärin serviert bekommen.

Gestión Ambiental Urbano

Wir sind 13 Personen, super paritätisch aufgeteilt. Auch hier wählen wir gerade Fallbeispiele in Santiago aus, anhand derer wir existierende Umweltprobleme erforschen. Ich werde mir Urban Heat Islands anhand des Stadtteils Recoleta ansehen. Dazu erstellten wir bis Freitag Diagramme, um die systemischen Zusammenhänge darzustellen, und geben in knapp zwei Wochen gleich zwei Ausarbeitungen dazu ab. Der dazugehörige Prof Kay ist nie ohne seine Mate anzutreffen und formuliert Aufgabenstellungen so maximal konfus, dass es in unserer Studi-Whatsappgruppe nach dem Kurs immer turbulent zugeht. Dafür haut Kay aber auch gerne chilenische Sprichwörter und Anekdoten heraus, wodurch ich auch nicht-Fachliches lerne.

 

Karla auf den Hügeln

Ich halte bisher die erfolgreiche Streak, jedes Wochenende auf irgendeinen (mal kleineren, mal bergigeren) Hügel hinaufgelaufen zu sein. Auf den Cerro San Cristóbal folgte Cerro Manquehuito und dann der Cerro Santa Lucía – der zählt nur vom Namen her, das ist wirklich nur eine kleine Anhöhe mitten im Stadtzentrum.


Cerro Manquehuito mit Juan Carlos
Aussicht vom Cerro Santa Lucía mitten im Stadtzentrum
Am Fuß des Cerro Santa Lucía mit Jess

Gestern lief ich spontan mit fünf Leuten, von denen ich vorher nur meinen Mitbewohner kannte, etwas weiter weg zum Salto de Apoquindo, also einem Wasserfall. 
8,5 km hoch, 8,5 km runter. 
Verdammt anstrengend mit der sengenden (herbstlichen!) Sonne, aber die quasi semi-aride Landschaft (wenn auch per Definition mediterran) zahlte es uns mit Schönheit zurück. Wir trabten an riesigen, teilweise in Blüte stehenden Kakteen vorbei, duckten uns unter Seifenrindenbäumen hinweg und genossen einfach die Ruhe inmitten dieses Vorgebirges. Ich lernte, dass 1,2 Liter Wasser für solch eine Exkursion bei weitem nicht ausreichen und folgerichtig, meinem Magen das Flusswasser anzuvertrauen. (Das Wasser war köstlich und hat niemandem geschadet.) Mit An- und Abreise in Metro und Bus (genannt Micro) waren wir 11 h unterwegs.

Im Parque Natural Aguas de Ramón, auf dem Weg zum Wasserfall.

Unterwegs gab es zwei Mal Handyladestellen!


Angekommen am Salto de Apoquindo. Der liegt übrigens auf ca. 1.600 m Höhe.

Team Geschlosseneaugen: Mario, Vale, Karla, Daniel, Max.

Die sechste im Bunde, Lissi, lief immer vor und verpasste die Fotos.

Und was mache ich, wenn ich nicht auf Hügel hochlaufe?

  • Montags bis mittwochs steht immer Unikrams an. Dafür habe ich ein superschönes Café 2min von meiner Wohnung entfernt für mich entdeckt, wo nie viel los ist, der Cappuccino 2,80 € kostet, richtig gute Musik läuft und die Baristas mich inzwischen kennen und mir Tipps für meine Projekte geben. Dort arbeite ich mich durch Lektüren über rational-komprehensive und systemische Städteplanung, erstelle PowerPoint-Folien und Diagramme und manchmal schreibe ich auch Blogposts.
  • Drei Mal die Woche finden in einem Park Salsa- und Bachatakurse statt, zu denen ich bisher zwei Mal am Dienstag ging und immer mehr Internationals mitschleppe. Eine Stunde Bachata, eine Stunde Salsa, danach kurz freies Tanzen. Die Kurse finden in drei Niveaustufen statt, die sich wirklich stark unterscheiden. So Freilufttanzen hat einfach immer was!
  • Dazu fand ich vergangene Woche endlich ein Fitnessstudio, das mich wirklich begeistert, sodass ich auch dort einige freie Stunden meiner Tage verbringen werde.
  • Und dann gibt es noch in unregelmäßigen Abständen durch cauc (die Internationale-Studierende-Bespaßungs-Initiative von Studis meiner Uni) Veranstaltungen wie „Kommt, wir gehen in ein Katzen-Café“, „Diesen Hügel müsst ihr auch noch sehen“ oder „Die nationalen Feiertage sind zwar schon seit September vorbei, aber kommt am Samstag in diesen Park und dann spielen wir das ein bisschen für euch nach“. Am Mittwoch sahen wir gemeinsam den chilenischen Spielfilm Mala Junta im Unihörsaal.
Spiele im Park wie bei den Nationalfeiertagen zum 18. September. 

Außerdem gab es das für diese Feiertage typische Getränk "Terremoto" (Erdbeben), das aus Ananas-Eis, Granadina und Vino Pipeño (bestimmter chilenischer Wein) besteht.


Am Ende wurde den Teilnehmenden noch der traditionelle chilenische Tanz Cueca, den man immer mit Taschentuch zu bestreiten hat, beigebracht.

Saludos, 

Karla


~ Wort des Tages: „Viejito Pascuero“. Ihr dachtet, Weihnachtsmann auf Spanisch heißt Papá Noel? Nope, nicht in Chile. Hier nennt man ihn „Alter Oster..ling“ oder so. Jedenfalls referiert man damit Pascua, also Ostern. Ich hatte gerade eine lange Diskussion mit meinen Lieblingsbaristas darüber und sie sind selbst verwirrt, warum sie manchmal (!) Weihnachten (Navidad) als Ostern (Pascua) betiteln.



Mittwoch, 11. März 2026

First steps, Feminismus und Folklore

Guten Tag und buenos días aus Santiago de Chile!

Herzlich willkommen zur diesjährigen Kolumne mit unzuverlässiger Taktung und unberechenbarer Länge.

Ich darf euch mitteilen, dass es im chilenischen Sommer genauso warm und wolkenlos ist, wie erwartet, und dass man in Chile gerne mit Milch oder Kakteen verglichen wird.

Aber beginnen wir von vorne. Mein Airbnb, in das ich mich die ersten zwei Wochen eingemietet habe, ist super, aber hat leider keine Hausnummer, weshalb ich es nur wegen meiner sehr hartnäckigen Taxifahrerin finden konnte. Sie lief fünf Minuten lang mit mir herum und weigerte sich, einfach wegzufahren und mich alleine zu lassen, obwohl im Auto noch weitere Leute saßen. Mit diesem positiven ersten Eindruck von den Chilen:innen betrat ich also mein Airbnb, das Casa Parcas, welches unübersehbar knallpink gestrichen ist, aber eben ohne Hausnummer vor sich hinhaust.

In meiner ersten Woche stolperte ich zwischen Unternehmungen mit anderen Internationals und drei Unikursen fünf Mal zu verschiedenen Läden von Mobilfunkanbietern, bis mein Handy sowohl angemeldet als auch mit SIM-Karte ausgestattet war, und stellte in Supermärkten erfreut fest, dass man hier viel mehr kaufen kann, als erwartet. Also wenn man das Geld dazu hat, denn die Preise unterscheiden sich im Großen und Ganzen nicht von Deutschland.

Erste Eindrücke von Santiago

- Tagsüber heiß (30 °C) aber aushaltbar, v.a. nachts angenehm.

Viele Bäume und andere Pflanzen überall dort in der Stadt, wo ich bisher war (Providencia und Zentrum). Ich sehe gut gedeihende alte Bäume, aber auch viele erst kürzlich gepflanzte mit Wasserbeuteln. Alles wird täglich bewässert.

Alles circa genauso teuer wie in DE (Am teureren Ende: Haferflocken 450g für 1,12 €, Milkatafel fast 3 €; am billigeren Ende: Blaubeeren ½ kg für 3,50€; irgendwo dazwischen: U-Bahn/Busse 80 Cent, unabhängig von der Strecke; kleines möbliertes Zimmer 200-400 € pro Monat)

Viele Fahrradfahrer mit Helm (es gibt eine Helmpflicht)

Vegetarische und manchmal sogar vegane Optionen vorhanden, v.a. bei Sandwiches und Empanadas.

Man kann das Leitungswasser trinken! Was ist das denn für ein Luxus?

Bisher sind alle erstaunlich pünktlich.

Alle Leute, mit denen ich bisher zu tun hatte und die nicht bei einem Telefonanbieter arbeiten, sind sehr liebenswürdig und hilfsbereit.

Unternehmungen mit den Internationals

Am Dienstag wurden wir Austauschstudis feierlich von meiner Uni, der Pontificia Universidad Católica de Chile (kurz UC oder PUC), willkommen geheißen. Neben den üblichen Redebeiträgen trat auch die folklorische Tanzgruppe der Uni auf und begeisterte mit aufwendigen Kostümen und Tänzen unterschiedlicher Regionen.

Der erste folklorische Tanz - mit Leuchtmasken!

Danach trabten wir weiter in eine Bar, wo es Empanadas und Lärm gab, und ich mich mit Leuten aus den USA, der Schweiz, England, Chile und natürlich Deutschland unterhielt. Alle sprechen wirklich gut Spanisch, weil die Uni mindestens B2-Niveau verlangt. So weit, so unaufregend.

Einen wirklich schönen Ausflug starteten wir am Samstag: Es ging auf den Hausberg/Haushügel Santiagos, den Cerro San Cristóbal. Dieser Hügel ist ein einziger gepflegter und bewässerter Park mit Radwegen und Seilbahn. Hunderte Chilen:innen nutzten den freien Tag, um in schnittiger Fahrradkleidung den Hügel hochzustrampeln und oben entdeckten wir witzigerweise Menschen auf stationären Fahrrädern unter Bäumen, die gerade an einem Spinning-Kurs teilnahmen. Ein paar Meter weiter tanzte man im Rahmen eines Zumbakurses zu Reggaetón. Das Wichtige an so einer Hügelbesteigung ist natürlich die Aussicht, also hier bitte schön:

Aussicht vom Cerro San Cristóbal


Am Donnerstag ist dann ein gemeinsamer Besuch in einem Katzencafé geplant.

Stundenpläne für Fortgeschrittene

Am Mittwoch ging die Uni los. Am Donnerstag lernte ich, dass einige Kurse erst im zweiten Bimester anfangen (ab Mai) und dass es so etwas überhaupt gibt.

Von den vier gewählten Kursen finden also aktuell nur zwei statt und in einen dritten habe ich mich mal probeweise gesetzt. Jeder davon dauert allerdings auch 2,5 h am Stück und wenn ich das richtig sehe, besteht die erste Lektüre für Planificación del Desarrollo Urbano bis Donnerstag aus 144 Seiten. Vielleicht sind erst einmal weniger Kurse gar nicht so schlimm. Dazu kommt, dass über das Semester hinweg Prüfungsleistungen erbracht werden – die ersten Essays sind in zwei Wochen fällig.

Ansonsten ist mein erster Eindruck von meinen Kursen gut. Die weiblichen Profs verstehe ich sehr gut, der männliche Prof spricht nur maximal die Hälfte der Buchstaben jedes Worts aus und nutzt viele chilenische Redewendungen/Wörter, was mir das Verständnis deutlich erschwert. Es handelt sich hier aber immerhin um das Fach Gestión Ambiental Urbana (Städtisches Umweltmanagement) und in der ersten Stunde ging es um ziemliche Basics, nämlich die dreifache planetare Krise. Der Inhalt ist mir also nicht neu.

Meine Kommiliton:innen haben zum allergrößten Teil bereits gearbeitet bzw. tun das noch immer, sind also zur Abwechslung u.a. älter als ich. Ein Magíster hier kostet eine ganze Stange Geld und entsprechend aufmerksam sind auch alle im Kurs. Wir sind wenige: In Gestión Ambiental Urbana sind wir zu elft und in Planificación undsoweiter sage und schreibe drei Studentinnen plus die Professorin.

Apropos Frauenpower.

Día de la mujer am 08. März

Am Sonntag marschierte ich von 11:00 bis 13:30 mit 40.000-500.000 (die Spannweite der Angaben ist wie immer riesig) weiteren Frauen über die zentralste Straße Santiagos, denn es war Weltfrauentag. Der Feminismus wird hier sehr großgeschrieben und die Teilnehmerinnenzahl war besonders hoch, da der 8.3. dieses Jahr auf einen Sonntag fiel. Laut, mit guter Stimmung, spitzen Plakatsprüchen, Kraft, um auf Bushaltestellen zu klettern und justifizierter Wut schritten die chilenischen Frauen von Baquedano bis Los Héroes. Zwischendrin Tanzgruppen, die trotz der sengenden Sonne durchgehend performten, und Vertreterinnen der zwei größten Fußballclubs des Landes (Colo-colo und „la U“, für Universidad de Chile), die ihrerseits stark Stimmung machten. Es war ein tolles Erlebnis.



Neben Themen wie Femizid, Abtreibung und Ungleichheit wurde auch mit einigen Plakaten und Sprechchören auf die Bedrohung durch den heute, am Mittwoch den 11.3., sein Amt antretenden neuen Präsident José Antonio Kast hingewiesen. Er ist politisch sehr rechts eingestellt und versteht sich gut mit Trump in den USA, Milei in Argentinien und Bukele in El Salvador…

Ein paar Fotos meines Airbnb-Gartens

Einfach, weil ich riesiger Fan bin. Hier lebe ich noch bis Sonntag, dann ziehe ich in eine WG um. 

Ist das eine Kletterwand da links, fragt ihr euch. Ja. Ja das ist eine Kletterwand. 

Da es im Sommer eher nicht regnet, ist man mit Sukkulenten im Garten gut beraten.


Saludos,

Karla


~ Ausdruck des Tages: Ella/Él es muy buena leche & Ella/Él me da buena espina. Wörtlich: Sie/Er ist gute Milch & Sie/Er macht den Eindruck eines guten Stachels (Referenz zu Kaktusstacheln). Kann man genauso gut auch negiert benutzen und sagt einfach aus, dass jemand cool und vertrauenswürdig ist (bzw. negiert eben nicht).

Freitag, 24. Mai 2019

Ostern und Lappland - der Text


Ostern in Lettland
An Ostersonntag saßen Anete und ich geteilten Leides in einem Café und schrieben Essays. Anete ist eine meiner lettischen Mitbewohnerinnen und die einzige, die für die Ostertage nicht zu ihren Eltern nach Hause gefahren war. Sie hatte das bereits im Vorhinein erledigt und zwei gefüllte Eierkartons mitgebracht. So saßen wir abends in der Küche und veranstalteten unsere eigene kleine Osterfeier: Wir kochten und färbten vier Eier, ließen sie gegeneinander antreten und aßen sie anschließend auf. Die Letten färben noch ganz naturverbunden. Mit Blättern und Blüten werden Formen auf die Eier projiziert. Wie? Indem diese mit dünnen Stofftüchern auf den Eiern festgebunden werden. Der nächste Schritt ist das Kochen in farbigem Wasser. Wie wird das Wasser farbig? Mit Zwiebelschalen! Eigentlich sammelt man monatelang die übriggebliebenen Zwiebelschalen, sodass ein richtig schön färbender Sud entsteht – mangels dessen wurde unsere Eier nicht ganz so beeindruckend. Trotzdem konnten wir beim Auspacken Muster entdecken.
Es folgte der Eierkampf: Dazu wählt jede Person einen Kandidaten (=ein Ei). Die Kandidaten treten gegeneinander an, indem die Teilnehmer sie einfach aufeinander hauen. Überlebendes Ei = gewinnendes Ei.
Das anschließende Aufessen bedarf nicht viel Erklärung. Nur einer: Es ist wichtig, dass das Ei mit Salz gegessen wird, sonst folgt Unglück bis zum nächsten Osterfest.
Ich war und bin begeistert von der hiesigen naturverbundenen Art, Eier zu färben. Keine unnötige Verschwendung, stattdessen Wiederverwertung von Ressourcen.

Eierfärben: Start.
Ostereier einpacken und Weißwein.
In Zwiebelsud kochen.
Das Endergebnis (mit mehr Zwiebeln wären sie röter geworden).

9. Mai
Die Russen feiern ihn, die Letten nicht. Am 9. Mai konnte man deutlicher als sonst die russischstämmige von der lettischen Bevölkerung unterscheiden. Auf Uzvaras bulvāris (Übersetzung: Triumph-Boulevard) reihten sich die Blumenstände, sie alle verkauften rote und weiße Blumen. Sie feiern den Tag, an dem die Sowjetunion den Sieg über das Deutsche Reich errang. Bloß, dass es hier eher wirkt, wie eine Feier des Russischseins an sich. Meine lettischen Mitbewohnerinnen verstehen das Trara nicht: „Es wird nur als Vorwand für einen weiteren Tag des Feierns genommen. Die meisten hier haben doch keine Ahnung mehr vom Krieg.“ Für Letten markiert der 9. Mai lediglich den Wechsel einer Okkupationsmacht zur nächsten. Nichts, das man feiern würde.

Kurze Erzählung zu Lappland
Am Montag, den 4. März, um ein Uhr morgens, ging es los. Oh ja: ein Uhr morgens. Ich hatte einen stinknormalen Reisebus erwartet, fand mich aber zum Unbehagen meines Rückens in einem 20-Personen-Minibus wieder. In solchen Dingern bin ich in Kolumbien vielleicht mal von Tunja nach Cucaita gefahren (17 km). Jetzt also von Lettland in den Norden Finnlands (1200 km). Der Bus war bis auf den letzten Platz belegt – 100 % Kapazitätsauslastung, ein betriebswirtschaftlicher Traum. Um zu meinem Platz ganz ganz hinten zu gelangen, durfte ich meine Bergziegenfähigkeiten auspacken und über Hügel aus Gepäck und Proviant klettern. Einen wirklichen Kofferraum gab es nämlich nicht, und die 16 Spanier hatten gepackt wie für eine Antarktisexpedi… Wobei, das war ja angemessen.
Los ging’s, jetzt aber wirklich. Nach Tallinn. Um sechs Uhr morgens nahmen wir von dort die Fähre nach Helsinki. Und dann hatten wir erst einmal den ganzen Tag Zeit, Helsinki zu erkunden. Ich fand die Stadt recht enttäuschend – von so einem coolen Namen hätte ich einen spannenderen Auftritt erwartet. Ich lief mit zwei Französinnen und einer Italienerin herum und guckte mir die drei sehenswürdigen Sehenswürdigkeiten an, die Helsinki eben hat. Ich muss zu der Stadt anmerken, dass wir wirklich unangenehmes Wetter hatten. Im Sommer macht Helsinki bestimmt einen schöneren und lebhafteren Eindruck.
Völlig fertig saßen wir abends wieder im Büsschen. Wir fuhren die Nacht durch in den Norden.
In der Nähe von Rovaniemi (Lapplands Hauptstadt) machten wir am Dienstagmorgen den ersten großen Halt: Santa Claus Village erwartete uns. Ein wunderhübsches Winterdörfchen, das aber nur für die Touristen existiert. Alles hier kostet Geld. Rentierschlitten fahren, ein Foto mit dem „echten“ Santa Claus machen, Stempel im Reisepass, Rentierburger essen, Andenken kaufen, Karten vom Weihnachtsmann verschicken. Nett anzusehen, aber nicht so meins.
Am Nachmittag kamen wir endlich bei unserer Hütte an. Hütte ist schon fast degradierend, es war ein wirklich tolles Haus. Zwei Saunen, zwei Grills, ein großer Gemeinschaftsraum, eine riesige Küche – aber nur eineinhalb Bäder. Für 20 Personen. Sehr positiv gedacht.
Nach ein paar Minütchen des Ausruhens stapfte ich mit zwei anderen los, durch ein Meter hohen Schnee – was viel schwieriger auszuführen ist, als es sich sagt – um den Sonnenuntergang mitzukriegen. Den Rest des Abends waren wir zu nichts mehr zu gebrauchen. Wir suchten noch nicht einmal nach den Nordlichtern.


Mittwoch. In Kuusamo, das ein Dorf sein soll, aber auch nur aus einer Handvoll Häusern besteht, mieteten sich die Spanier Schneemobile und ich Skier. Zu viert probierten wir uns im Langlauf. Mir wurde zum ersten Mal wieder warm! Super Gefühl. Warme Hände! Und die Landschaft war auch sehr entspannend – Bäume, Schnee, Stille.
Abends grillten wir bei -12°C, was super kuschelig war, nur der idealen Trinktemperatur des Weins Abbruch tat. Diese Nacht machten wir uns auf die Suche nach den Nordlichtern. Wir fanden sie nicht. Der Himmel war zwar wolkenlos, aber die berühmten Lichter zeigten sich nur bei langer Belichtung auf der Kamera. Das zählt nicht.

Langlauf mit Alessia.
Sommerliche Grillstimmung.
Donnerstag. Die gesamte Gruppe schnürte sich Schneeschuhe an und watschelte geräuschvoll durch den Korouma Nationalpark. Die Gegend war wirklich wunderschön; die Morgensonne malte Streifen auf die unberührte Schneedecke und es herrschte friedliche Stille. Jedenfalls bis unsere Truppe heranrollte. Die Schneeschuhe waren zwar mal witzig auszuprobieren, aber keinesfalls nötig. Ohne wäre es idyllischer gewesen. Auf der der zweistündigen Wanderung sahen wir zwei gefrorenen Wasserfälle, an denen sich ein paar Kletterer versuchten.
Des Nachts versuchten wir unser Glück ein letztes Mal mit den Nordlichtern, dem Aurora borealis, dem Polarlicht. Vergebens. Unser französisch-italienisch-deutsches Quartett lief die dunkelste, unbeleuchtetste Straße ganz weit runter und starrte bestimmt eine Stunde lang in den Himmel. Ein paar helle Schlieren zeigten sich am Himmel, aber das war’s. Dann muss ich eben noch einmal zurückkommen und die Lichter besuchen.

Korouma Nationalpark.
Karla, Nationalpark, Schneeschuhe.
Freitag. Aufbruch. Wir verließen unsere lieb gewonnene Hütte und fuhren zu einer Huskyfarm. Überall Hunde! Mit der Italienerin Alessia zusammen fand ich mich in einem Schlitten wieder, und los ging’s. Die Huskys können sehr schnell werden, aber wir hatten anscheinend die gemütlichsten Exemplare erwischt. Dafür schauten sie sich immer wieder zu uns um und versicherten sich, dass wir noch da waren und es uns gut ging. Die Besitzerin all dieser (~80) Hunde lud uns danach auf eine Tasse Glögg in ein Zelt ein. Gestärkt begaben wir uns wieder in das Büsschen, machten abends Halt bei dem nördlichsten McDonalds der Welt in Rovaniemi, und fuhren mal wieder die Nacht durch, nach Helsinki. Übermüdet auf Fähre nach Tallinn. Tag in Tallinn, aber da Karla müde war und Tallin schon kannte, chillte sie hauptsächlich in Restaurants und Cafés. Um 17:00 wieder losfahren. Irgendwann spätabends Ankunft in Riga.
Bett.


Karla sitzt im Huskyschlitten.
Karla und Alessia im/auf dem Huskyschlitten.

~ Wort des Tages: „nākodne ir tagad“. Den Ausdruck hört man heute besonders oft, weil heute Freitag ist. Er wird auf dem Fridays for Future Streik gerufen. Bedeutung: „Die Zukunft ist jetzt“.

Karla

Rennende Rentiere zum Abschluss.

Montag, 8. April 2019

Lappland - der Film

Die Zeit, welche zwischen meinen Blogposts vergeht, war auch mal kürzer. Tut mir Leid.

Hier zur Abwechslung ein Video. Es fasst meine Woche vom 4. bis zum 9. März etwas zusammen. Da quetschte ich mich nämlich mit einer Truppe mir unbekannten Spaniern in einen Minibus und fuhr einmal rauf nach Lappland.


Vielleicht schreibe ich dazu sogar demnächst noch was, wer weiß.

Karla

Mittwoch, 27. Februar 2019

Sie stehen sehr auf Stadtmauern

Wir beginnen mit einem actiongeladenen Bild von Karla auf der Stadtmauer.
Hans und ich haben uns Tallinn, Estland angeschaut.

Mittwoch, 13.02. Nach 4,5 Stunden Busfahrt Riga–Tallinn werden wir leider nicht an dem Busbahnhof rausgeschmissen, den ich erwartet habe. Verunsichert bestellen wir uns einfach ein Taxi (über die unkomplizierte App Taxify), denn hier kann man sich das leisten. 15 Minuten später kommen wir bei unserer Wohnung an. Wir haben sie auf airbnb gefunden und sind begeistert. Geräumig, modern, sauber und hell. Und nur fünf Minuten von der Altstadt entfernt.
Diese erkundigen wir neugierig und in Pinguinschrittchen. Hier scheint es keine Räum- und Streupflicht zu geben – die Gehwege sind vereist und spiegelglatt. Egal wie viele Touris drüberwatscheln werden, die Esten. Räumen. Ihre. Gehwege. Nicht.
Zumindest weniger als die Letten.


Seltenes Exemplar: ein geräumter Gehweg.
Als ich das erste Mal Estnisch höre, verwechsle ich es kurz mit Italienisch. Die Intonation ist wirklich vergleichbar, aber Estnisch ist süßer. Die Sprache ist gespickt mit Umlauten, Doppelvokalen, Doppelumlauten und dem eigenen Buchstaben õ.
Und die Esten haben echt tolle vegetarische Restaurants in Tallinn, stellen wir fest. Mit supersympathischen Kellnerinnen. Am Donnerstag gönnen wir uns Mittagessen im Vegan Restauran V, was ein sehr innovativer Name ist. Es liegt in der Straße Rataskaevu 12, und wenn Google Übersetzer nicht lügt, heißt Rataskaevu nichts weiter als Trolle. Das fänd‘ ich schon cool. Jedenfalls ist das Essen dort kreativ, vegan, bezahlbar, schön anzusehen und natürlich lecker! Und die Servicekräfte wissen genau, was sie verkaufen und können einem alles (in bestem Englisch) erklären.

Angetan spazieren wir daraufhin durch die Altstadt. Wir müssen zugeben, dass wir auch in Deutschland sein könnten. Wir stellen Diversität und eindeutig sowjetische Einschläge in der Architektur Rigas der UNESCO-Weltkulturerbe-Altstadt Tallinn gegenüber. Hans spricht sich definitiv für Tallinn aus. Hier ist alles besser in Stand gehalten, das muss ich zugeben. Aber ich finde Riga nach wie vor interessanter, denn nach jeder Straßenecke findet man etwas Neues. Es ist übrigens nicht verwunderlich, dass uns die estnische Stadt an Deutschland erinnert. Die Häuser wurden unter anderem von Deutschen gebaut und viele asiatische Touristengruppen laufen auch herum. Es sind generell mehr Touristen als in Riga.

Fakt des Tages: Das Wort „Tallinn“ bedeutet „dänische Stadt“. Die Tendenz, dass die Balten nie eine eigene Identität zugesprochen bekamen, verstärkt sich mit jedem Ort, den ich hier kennenlerne. Denn genau wie Lettland wurde Estland im Laufe der Geschichte von ungefähr jedem Land mal eingenommen. Und genau wie die Letten sind die Esten jetzt, wo sie seit bereits 100 (beziehungsweise 28*) Jahren unabhängig sind, umso stolzer auf ihr kleines Land und ihre mühsam aufrechterhaltene Kultur.



Tallinner Häuser sind meist schön hell und farbig.
Versteckte mittelalterliche Gässchen!
Ist das Kunst?
Eine begeisterte Karla in der seltenen Wintersonne.

Hans mit Flasche und Altstadt

Schneestadt.

Karla mit Stadt, ohne Flasche.

Abends gehen wir Minigolfen. Aber nicht irgendein Minigolf, sondern „CityJungle Adventure Golf“! Es ist drinnen, im Dunkeln, mit Schwarzlicht, leuchtenden Effekten und einer sich teilweise bewegenden Dschungellandschaft. An sich eine super Sache. Leider ist eine große Kindergruppe parallel zu uns da und besonders herausfordernd oder spannend sind die Golfkurse and sich nicht, nur eben das Drumherum.

Am Freitag schließen wir uns der free walking tour an und lernen nicht nur, dass Tallinn seine Stadtmauern größtenteils stehengelassen hat und immer noch 26 von ursprünglich 46 Stadtmauertürmen erhält (und diese heute entweder Cafés oder Museen beherbergen), sondern auch, dass man für eine estnische Steuererklärung höchsten sechs Minuten braucht. Ihr habt richtig gehört. Ein Traum. Hier geht man nicht nur online wählen – auch alle Rechnungen etc. (was auch immer man für die Steuererklärung braucht) sind in einem Online-System untergebracht und müssen nur noch abgehakt werden. Kohärent zu dieser modernen Lebensweise geben 70% der Esten an, konfessionslos zu sein. Damit sind sie eines der „unreligiösesten“ Länder der Welt. Zum Vergleich: in Deutschland sagen nur 35 % der Bevölkerung aus, keiner Religion anzugehören (Stand 2016). Witzig, dass es trotzdem so viele Kirchen das Tallinner Stadtbild prägen.

Nachmittags wagen wir uns aus der touristischen Altstadt heraus und laufen die 10min zum Meer. Vorbei an einem Start-up, in dem junge Menschen Tischtennis spielen. Am Meer gibt es eine mit Bauzaun abgesperrte „Promenade“, die im Sommer bestimmt ein hipper Platz für die Tallinner Jugend ist. Im Februar begegnen wir hier genau zwei Spaziergängern und einem Mann mit Hund. Man könnte sehr viel mehr aus diesem Teil der Stadt machen, aber die etwas verlassene und industrielle Atmosphäre hat auch etwas. Wir finden ein altes Gefängnis mit Meerblick und einem Herz im Maschendrahtzaun. Plakativ.
Wir bleiben alternativ und marschieren zum Kulturzentrum Telliskivi Loomelinnak. Leider stellen wir fest, dass das meiste davon nur tagsüber geöffnet hat. Aber auch nachts hat die Gebäudezusammenstellung und ihr riesiger Innenhof einfach Charme. Ein paar Bilder und Kunstgegenstände hängen herum, und die jungen betuchteren Tallinner gehen essen und später in den Club. Wir gehen nur essen.
Am nächsten Vormittag bringt uns der Bus wieder nach Riga zurück. Tallinn hat einen guten Eindruck hinterlassen. Bestimmt auch, weil wir die drei Tage lang unfassbar gutes Wetter hatten – Sonne und Plusgrade! Und das im Baltikum, im Februar! Es ist der wärmste Winter seit langem, und das ist schon ein bisschen gruselig.


"Die Promenade" und die Ostsee.
Durch dieses winzige Türchen kommt man von der Promenade zum Gefängnis.
Jemand mit Humor kritzelte dies an die (wohl super überwachte) Gefängnismauer.




~ Wort des Tages: Tere. Es wird eher „därä“ ausgesprochen. Niedlich. Tere ist das estnische Wort für Hallo, und sie lieben es. Ausdrücke für Guten Morgen oder Guten Tag haben wir nie gehört – es ist immer einfach tere!

Karla


Wir enden mit einem harmonischen Bild von Hans und Karla auf der Stadtmauer.

*Ihr fragt euch, warum 100 oder 28 Jahre? Naja, zwischendurch wurden die Esten (so wie die anderen Balten auch) eben noch einmal von der UdSSR annektiert, aber mit parallel existierender estnischer Exilregierung, sodass sie faktisch kontinuierlich (seit 1918) unabhängig waren.