Es ist viel los auf der Südhalbkugel. Nach Surfen in
Pichilemu folgten Wochenenden voller Kunstmärkte, Salsa/Bachata-Parties, dem Besuch
des in der Stadt liegenden Weinguts Viña Cousiño Macul, einem Kurztrip nach
Valparaíso (Kunst an jeder Hauswand!), und dem Día del Patrimonio Cultural (Tag
des Kulturerbes) in Viña del Mar und Santiago. Dazu waren (und sind) die Wochen
brechend voll mit Essays, Präsentationen und ein paar mehr Essays.
Zwei große Trips, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind hervorzuheben: San Pedro de Atacama vom 24.-27.04. – man denke Trockenheit, Wüste, coole Tiere. Und Patagonien vom 15.-25.05. – Gletscher, grüne Wälder, coole Tiere. Heute erzähle ich der Chronologie zuliebe von ersterem.
San Pedro de Atacama
Wer eher für schöne Bilder als wüste Fakten hier ist: weiter unten ist ein 2-minütiges Video, das ich über die Reise zusammengeschnitten habe.
Die Atacama-Wüste ist die trockenste Wüste der Erde
außerhalb der Polargebiete. Alle sechs bis zehn Jahre kommt es durch El Niño in
Teilen dieser Wüste zu Regengüssen, die die ganze Landschaft erblühen lassen.
Das muss wunderschön aussehen.
Freitag: Städtchen und Cocktails
Mit drei Stunden Schlaf starte ich am Freitagmorgen (24.05., 3:20 Uhr) gemeinsam mit 14 mir bis dahin unbekannten Internationals nach Calama, von wo uns unser lokaler Fahrer Marcos mit dem Van abholt und nach San Pedro de Atacama bringt. Dieses Städtchen ist der touristische Ausgangspunkt für alles, was mit der Atacama-Wüste zu tun hat, aber hat nur knapp 11.000 Einwohner, wahrscheinlich genauso viele kleine Tourismusbüros und einen Supermarkt von der Größe eines Friseursalons. Wir dürfen uns kurz über unser luxuriöses Hostel, das eigentlich ein Hotel und durch uns komplett ausgebucht ist, freuen. Ich teile mir Zimmer und Bad mit nur einer Person! Dann Mittagessen, und los geht’s im Van. Ins Vallecito. Marcos zeigt uns den Magic Bus – einen wohl von Salzminenarbeitern irgendwann dort gelassenen Bus, von dem inzwischen noch das metallene Skelett mitten in der Wüste steht und Touristen magisch anzieht. Wir gucken uns beeindruckende Berge und Klüfte an, die in der tiefstehenden Sonne orange leuchten. Bei Sonnenuntergang machen wir Halt an einem einsamen Baum mitten im Nirgendwo, packen den Klapptisch aus und stoßen mit einem Cocktail (Pisco Sour) an. Zurück im Hotel wird das gesellige Beisammensein mit einem Grillabend fortgeführt. Die Chilen:innen essen liebend gerne Choripan – eine Wortkombination aus Chorizo (Wurst) und Pan (Brot). Das ist es auch einfach. Wurst im Brot. Man kann noch Pebre (Koriander-Zwiebel-Tomaten-„Salat“) und/oder Majo und Ketchup draufpacken. Für uns drei vegetarisch lebende Personen gibt es das Ganze tatsächlich mit vegetarischer Wurst.
| Die Hauptstraße von San Pedro de Atacama |
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| Die Truppe auf/im Magic Bus |
| Cocktails und Snacks bei Sonnenuntergang |
Samstag: Vulkane und
Sterne
Der zweite Tag führt uns wieder im Van von einem Highlight
zum nächsten, entlang der Ruta de los Salares. Besonders cool finde ich, dass
überall in der wüstigen Landschaft Vulkane auftauchen.
An einem besonderen Vulkan halten wir an: dem Licancabur. Er liegt zur Hälfte in Chile, zur anderen Hälfte in Bolivien. Der Name kommt aus der ausgestorbenen Sprache Kunza/ Atacameño und bedeutet „Berg der Menschen/des Dorfs“. Der Vulkan spielte eine wichtige Rolle in der Tradition der Atacameños, der ursprünglichen Bewohner der Region: Es war ein Ort der Verehrung und das Erklimmen eines solchen Berges bringt Unglück. Nachdem 1951 ein Artikel in Geographical Review erschienen war, der die Unzugänglichkeit des Licancabur erwähnte, fühlte sich selbstverständlich eine Gruppe Ingenieure gechallenged, genau dem zu widersprechen. Am 22. November 1953 schafften die sechs Männer den Aufstieg und entdeckten drei Ruinen, altes Feuerholz, einen kleinen See und lebende Chinchillas (die dort bis dato als ausgerottet galten). Interessanterweise erschütterte nur zwei Wochen später ein starkes Erdbeben genau die Region, aus der die sechs Kletterer kamen (Calama und Chiquicamata) und beschädigte einen großen Anteil der Häuser. Die indigene Bevölkerung fühlte sich bestätigt. [Quelle: Rudolph, William E. (1955). Licancabur: Mountain of the Atacameños. Geographical Review XLV No. 2, 151-171.]
| Karla hüpft vor dem Licancabur herum |
| Vicuñas! Quasi besondere Alpakas. |
Höchster Punkt 4.800 m, wir fahren am japanischen Observatorium auf 6.000 m vorbei, dem höchsten astronomischen Dings der Welt. Ich kann das die ganze Zeit nicht wirklich glauben, weil wir gefühlt durchgehend auf flachen (sehr guten) Straßen fahren. Wo ist die Steigung? 25 km von San Pedro stoppen wir kurz, um aus der Ferne das höchstentwickelte Radioteleskop-Observatorium namens „ALMA“ (Atacama Large Millimeter Array), auf der Hochebene Chajnantor, was auf der indigenen Sprache Kunza „lugar de aprendizaje y del despegue”, also Lernort und Startplatz heißt. Die indígenas beobachteten schon Jahrtausende lang die Himmelskörper. Durch die Höhenlage, trockene Luft und nahezu keine Lichtverschmutzung ist die Atacamawüste der perfekte Ort für (sehr teure) astronomische Beobachtungsstationen. Zwei deutsche spezielle LKW bewegen die 66 Teleskope, wirft Marcos als Fun Fact ein.
- Dritter Stopp: Wunderschöner Ausblick auf eine der vielen Salinas (Salzwüsten). Es ist sehr windig.
- Mittagessensstopp in einem riesigen Vulkan (65kmx32km), der als solcher nicht zu erkennen ist, weil einfach zu groß. Aber mit etwas geschultem Auge kann man überall Obsidiane finden.
- Wir sehen 5 Flamingos, einen Fuchs, drei wilde Esel und ein paar Gruppen Vicuñas inklusive Babies!
- Letzter Stopp: Salar de Quisquiro, wo es manchmal Viscachas zu sehen gibt (aus der Familie der Chinchillas). Ihr kennt sie vielleicht aus der Meme-Kultur. Sie sehen so aus, als seien sie konstant müde und etwas fertig mit dem Leben, aber das auf die niedlichste Art.
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| Quelle: https://knowyourmeme.com/photos/2107014-animals |
Sonntag: Heißes
aufsteigendes Wasser
Weiter geht es, bloß keine Müdigkeit zeigen, denn wer am
nächsten Morgen nicht um Punkt 5:30 Uhr im Van sitzt, wird zurückgelassen. Es
geht zu den Geysiren „Geyseres del Tatio“, und die muss man in den
Morgenstunden (und ohne Frühstück im Magen) sehen, weil der heiße Dampf eben
nur bei Kälte sichtbar ist. Als wir ankommen, ist es 7:30 Uhr, es sind -7 °C
und die Sonne ist gerade aufgegangen. Ich weine ein bisschen ob der Schönheit
der Landschaft. Schroffe, unbewachsene Berge und Vulkane, näher dran kleine süße
Grünflächen und dann die rot gefärbte Erde, zwischen denen mystischer heißer
Dampf in der morgendlichen Luft aufsteigt. Wir werden auf die Geysire
losgelassen, es sind viele. Jeder ist unterschiedlich und hat eine andere
Persönlichkeit, finde ich. Manche blubbern, manche sprudeln, manche dampfen
nur, einer sprudelt in zeitlichen Intervallen, und manche gurgeln irgendwo
unterirdisch ihr Lied. Deswegen habe ich die folgende Collage zusammengestellt.
Stellt euch hier eine Collage vor: „Eine Zusammenstellung der Geysire, die ich in der Atacamawüste traf“. Die mache ich noch. Ganz bestimmt.
Irgendwann knurren uns die leeren Mägen zu laut und wir reißen uns von der dampfenden Landschaft los, um unser Frühstück in der nächsten tollen Landschaft einzunehmen: Neben einem Moor! In der Wüste! Vor allem nach einem Uniprojekt zur Wiedervernässung von Mooren in Niedersachsen (mit Fokus auf die Gegend um den See Dümmer herum) bin ich entzückt von diesem intakten Moor, auf Spanisch Humedal. In den kleinen Kanälen, die sich natürlicherweise zwischen den Moorpflanzen bilden, zuckeln verschiedene Vögel vor sich hin, und zwei Vicuña-Familien grasen friedlich darauf. Ein ganzjährig nassbleibendes Gebiet in der (trockensten) Wüste, fragt ihr euch? Das fragte ich mich auch. Aber wir befinden uns im höheren Anden-Gebiet, im Altiplano, in der Gegend heißer unterirdischer Quellen und dazu kommt der südamerikanische Monsun. Hyperarid ist es in Richtung Küste.
In eine dieser heißen Quellen setzen wir uns als nächsten
Stopp. Marcos kennt da einen Spot. Die Erfahrung ist super entspannend, aber
auf dem Rückweg befallen mich fiese Kopfschmerzen, sodass ich für den Rest des
Tages mehr oder weniger ausgeschaltet bin. Ob wegen der Höhe (die Geysire
liegen auf 4.300 m), wegen der Sonne, oder einer Kombination aus beidem, werde
ich wohl nie herausfinden.
Montag: Kaltes
fallendes Wasser
Der letzte Tag führt uns zur Cascada Encondida, zum
versteckten Wasserfall. Den werde ich wirklich nie wiederfinden. Marcos biegt
einfach irgendwann vom Weg ab, holpert über Steine und lässt uns im Nirgendwo
aussteigen. In seiner Freizeit erkunde er einfach gerne die Gegend, und dabei
habe er diese Strecke gefunden. Die Gruppe kraxelt einen Berg herunter, in ein
Valley, an einem Flüsschen entlang, zum Wasserfall.
Tja und danach geht es auch schon wieder zurück. Alle nicken
auf der Vanfahrt von San Pedro de Atacama zum Flughafen in Calama ein. Der
Flughafen hat die günstigsten Flughafenpreise, die ich je gesehen habe. Um 22:00
Uhr landen wir in Santiago.
| An der Cascada Escondida |
| Auf dem Weg sah ich Bratwurs und Hans Browns |
Die letzten paar Wochen war die Smogbelastung in Santiago
recht grauenhaft. Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich mich für diese Stadt
entschieden habe und in dem Ausmaß ist das auch nicht normal. Die zwei
Hauptfaktoren: Die geografische Lage (umzäunt von Bergen, keine Ventilation)
und das Ausbleiben jeglichen Niederschlags. Bis gestern hatte ich zwei
Regenfälle mitbekommen und beide waren im März. Eigentlich hätte es inzwischen
geregnet, sagen meine Kommilitonen. Gestern Morgen fiel dann endlich Regen, leider
nicht besonders viel und leider kommt auch erst einmal nichts nach. Aber heute
konnten die Santiageños den klaren Blick auf die nun schneebedeckten
Kordilleren genießen. Das finde ich ja wirklich toll an Santiago: Von überall
in der Stadt sieht man die Anden. (Wenn auch manchmal durch Smog.)
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| Aussicht von meiner Uni auf die Kordillere. Der heutige Tag hat den etwas unfairen Vorteil, dass die Sonne scheint, aber den Unterschied sieht man trotzdem. Saludos, |
~ Wörter des Tages: Wir lassen uns hier nicht von durch
Vergangenheits-Karla gegebenen Traditionen einschränken, heute gönnen wir uns
drei Wörter/Ausdrücke des Tages.
El guatero. Das chilenische Wort für Wärmflasche, ein erschreckend unbekanntes Utensil. Und das, obwohl lediglich 1,8 % der Santiaguinos eine Zentralheizung haben und es tatsächlich jedes Jahr wieder Winter wird. (Die Mehrheit hat so kleine Gasheizkörper, die meines Empfindens eher ineffizient sind.)
Wea. Es ist an der Zeit, euch eines der wichtigsten chilenischen Wörter beizubringen. Ein absolutes Universalwort. Auf deutsch vielleicht „Dings“. Gib mir mal die Butter? „Me pasas la wea?“. „Der Prof hat uns Hausaufgaben gegeben? „El profe nos dio una wea“. Die Chilen:innen nutzen es nur viel viel mehr, als wir „Dings“ sagen würden.
Weón/weona. Ursprünglich wohl huevón geschrieben. Je nach Kontext spricht man damit kumpelhaft enge Freunde an – im Sinne von Alter/Digga/Bro – oder beleidigt jemanden im Sinne von „Idiot“, z.B. „Dieser maldito weón hat mir die Vorfahrt genommen“. Also ein Wort für Fortgeschrittene.
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