Mittwoch, 1. Juli 2026

Von Warnblinkern, Protesten und Wäscheleinen - Besonderheiten in Chile

Hola!

Dieser Blogpost wurde primär gesponsort von Ich habe keine Lust darauf, meine Präsentation vorzubereiten.

Hier die angekündigte Geysir-Collage aus der Atacamawüste:

Sie sind alle so unterschiedlich! 


Besonderheiten in Chile

Ich weiß nicht, ob die Chilen:innen bzw. Santiaguinos europäischer sind oder ob mich nach dem Leben im kolumbianischen Kleinstdorf Cucaita nicht mehr so viel überrascht, aber ich habe für diesen Post nicht allzu viel gefunden. Ein paar Sachen aber schon: Hier ist meine sehr subjektive Aufstellung an chilenischen Besonderheiten des Alltags (geprägt natürlich vor allem durch mein Leben in der Hauptstadt).


Überall Zumba in Parks. 

Das bedarf nicht viel Erklärung. In den wärmeren Monaten konnte man abends an vielen öffentlichen Grünflächen laute lateinamerikanische Musik und ebenso motivierte Animation hören. Beim näheren Hinschauen entdeckte man dann eine instruierende Person auf irgendeiner Erhöhung und dahinter eine Gruppe sportlich gekleideter Menschen aller Altersgruppen, die enthusiastisch mittanzten.

 

Sie lieben Gruppenfotos. 

Das ist wahrscheinlich keine chilenische sondern eine generell lateinamerikanische Vorliebe, merken meine Mitbewohnis an. Jedenfalls bin ich auf unglaublich vielen Gruppenfotos drauf. Bei jeder Aktion mit Cauc (die studentische Internationale-Studierende-Bespaßungs-Initiative) werden mindestens drei verschiedene gemacht, nach jedem Tanzkurs machen wir ein Spiegelfoto zusammen. Bei meiner letzten Uni-Exkursion zu einer ehemaligen Mülldeponie, die jetzt ein Park ist, bestand Prof Kay natürlich auch auf ein Gruppenfoto (das er uns immer noch nicht geschickt hat). Und bei den wirklich anstrengenden funktionellen Kursen meines Fitnessstudios macht man auch nach durchgestandenem Training Gruppenfotos – durchgeschwitzt, knallrot und mit Puls auf 160.

Und die meisten landen noch nicht einmal auf Instagram. Also ich weiß nicht genau, wofür.

Die Abschiedsveranstaltung von Cauc letzten Samstag

Eins der Gruppenfotos nach einer der (viel zu anspruchsvollen) Bachatastunden


Die Liebe zum Warnblinker. 

Nirgendwo habe ich täglich so viele beidseitig blinkende Autos gesehen. Der Warnblinker ist so viel vielseitiger einzusetzen, als wir es uns vorstellen können. Nämlich generell für „Achtung, ich mache etwas anderes als geradeausfahren“.

Rechts an den Rand fahren? Warnblinker.

Mitten auf der Straße wenden? Warnblinker.

Ich stehe am Rand und werde jetzt auf die Straße wechseln? Warnblinker.

Ich verstehe das bis zu einem gewissen Grad. Es macht mehr Spaß, auf den roten Knopf in der Mitte drücken zu dürfen, als so ‘nen Hebel am Lenkrad um einen Zentimeter hoch- oder herunterzubewegen.


Wäsche waschen und aufhängen.

Das ist zumindest bei mir zuhause ein Thema. Wir haben eine WG-Waschmaschine – schonmal top. Diese hat lediglich einen Kaltwasseranschluss und darf nicht höher schleudern als auf 400, weil sonst die Sicherung rausfliegt. Andere Internationals haben einfach keine Waschmaschine und müssen immer in den Waschsalon, like in the olden days. Das Aufhängen bei mir in der Wohnung ist spannend. Es gibt keinen Wäscheständer. Dafür zwei Seile in unserem Innenhof, aber ohne richtigen Boden, weil wir im ersten Stock wohnen, und der Zugang ist durch ein Fenster. Auf die Seile passt bei weitem nicht alles einer Maschine, also sind vor meinem Fenster noch zwei metallene Rahmen, zwischen die man Seile spannen könnte und an die ich Kleinsachenaufhängungen wie im unteren Foto anbringe.

Wenn die Mitbewohnis die guten Kleinsachenaufhängungen benutzen, nimmt man mit diesem kreativen Utensil vorlieb. 

Die Aufhängsituation im "Innenhof"

Lasst euch nicht von der Kleidungswahl in den Fotos über die Temperaturen täuschen, das ist lange her und ich friere seit Wochen in Übergangsjacke vor mich hin. Es sind nachts um die null Grad und tagsüber bis zu 18 °C. Das heißt aber auch leider, dass mein Zimmer maximal 18 °C hat. Ich bin gerade zum dritten Mal erkältet.


Erdbeben und Aufstand.

Wenn man sich in Chile fragt „Warum sieht dieses Haus/diese Stadt so aus?“, dann ist die Antwort mit hoher Wahrscheinlichkeit entweder Erdbeben oder Estallido Social*.

„Warum wurde diese Kirche (spezifisch Nuestra Señora de los Dolores) ursprünglich neoklassisch gebaut und steht jetzt mit neoromanischer Architektur hier?“ Erdbeben.

„Warum stand das Schlösschen mal am Strand und droht nun jeden Tag, ins Meer zu stürzen?“ Erdbeben.

„Ist dieses Viertel gefährlich? Ich sehe überall Gitter vor den Fenstern.“ Nein, die Gitter sind dort seit dem Estallido Social, es ist eigentlich sicher hier.

"Warum trägt der Mann da drüben an der Ampel eine Augenklappe?" Estallido Social.

„Die Metrostation Baquedano ist so geräumig und neu, dabei ist sie eine der ältesten und umschlagstärksten Stationen, wie kommts?“ Sie wurde im Estallido Social komplett zerstört und danach neu gebaut.

„Warum benutzte dieses Weingut (Viña Cousiño Macul) Eiweiß im Mörtel seiner Gewölbe?“ Erdbeben.

„Warum gucken alle die Polizei so verächtlich an?“ Estallido Social.

„Warum ist diese Villa (Palacio Carrasco), die 1928 begonnen wurde zu bauen, immer noch nicht fertig?“ Lange Geschichte, aber letztendlich natürlich – Erdbeben. Vier verschiedene Erdbeben.

Das ist übrigens besagte durch vier Erdbeben immer wieder zerstörte/beschädigte Villa Palacio Carrasco. Sie steht in Viña del Mar.

Nochmal der Palacio Carrasco von vorne. 

*Kurzer Geschichtsexkurs: Der Estallido Social (Soziale Aufstand) begann im Oktober 2019. 

Ausgelöst wurde er durch bereits langfristig bestehende soziale Ungleichheit, eine Krise der politischen Repräsentation mit viel Misstrauen und die Auswirkungen des neoliberalen Wirtschaftssystems auf Sozialleistungen (Rente, Gesundheit, Bildung), aber spezifisch brachte die Ankündigung der Regierung unter Präsident Sebastián Piñera, die Preise für die Metro um 30 Pesos (ca. 3 Cent) auf 830 Pesos zu erhöhen, das Fass des Unmuts zum Überlaufen. Der Slogan lautete: “No son 30 pesos, son 30 años” – Es sind keine 30 pesos, sondern 30 Jahre. Hauptsächlich Studierende stürmten zuerst die Metrostationen Santiagos und dann die Straßen, auch in weiteren Städten. Es wurde viel zerstört – Bushaltestellen, Supermärkte, öffentliche Einrichtungen. Die Regierung sah sich gezwungen, die Preiserhöhungen zurückzunehmen, verhängte aber gleichzeitig den Ausnahmezustand, was Ausgangssperren und den Einsatz des Militärs zufolge hatte. Aber es war bereits alles losgetreten. Die Proteste wuchsen. Am 25. Oktober 2019 fand die größte Demonstration in der Geschichte Chiles statt – allein in Santiago marschierten 1,2 Millionen Menschen friedlich für Würde und Gerechtigkeit. Aber die Polizei (chilenisch: carabineros, abwertendes Wort: pacos) fing mit drastischen Repressionen an. Mit harten Gummigeschossen wurden Demonstranten bis zu Erblindung verletzt, tausende wurden festgenommen und misshandelt. Polizei war auch undercover bei den Demonstrationen dabei und nach Augenzeugenberichten an mehr Zerstörung beteiligt. Umfangreiche Berichte und Beweise dokumentieren systematische Polizeigewalt und schwere Menschenrechtsverletzungen. Bis zum 06.12.19 wurden 352 Personen mit Augenschäden registriert, was eine alarmierend hohe Zahl ist.

Am 15. November einigte sich die politische Klasse auf das „Abkommen für den sozialen Frieden und eine neue Verfassung“, die Proteste gingen mit schwankender Intensität aber weiter, bis sie abrupt durch das Ausbrechend der Corona-Pandemie im März 2020 beendet wurden.

Noch ein Fakt zur sozialen Ungleichheit: Der Einkommens-Gini-Koeffizient lag für Chile laut Weltbank im Jahr 2017 bei 45,3 %. Diese Zahl, die zwischen 0 und 100 % liegen kann, sagt aus, wie gleich oder ungleich das Einkommen im Land verteilt ist (0 % = vollkommende Gleichverteilung; 100 % = eine Person hat alles). Der letzte erhobene Einkommens-Gini in Chile ist aus 2024 und liegt bei 43 %. Für Deutschland liegt der letzte aus 2022 stammende Koeffizient übrigens bei 33,7 %, mit steigender Tendenz.


Und zu guter Letzt: 

Es gibt Feiertage und es gibt „Feiertage“. 

Das habe ich gestern gelernt. Gestern, am 29.6., war nämlich ein „Feiertag“, der heißt San Pedro y San Pablo. Niedlich, nicht? Mein Lieblingscafé, in dem ich mein halbes chilenisches Leben verbringe, um Essays zu schreiben, hat neuerdings auch sonntags offen. Ich sitze also am Sonntag drin und quatsche mit Barista Paz und Cafébesitzer Marcelo. Irgendwann frage ich:

„Habt ihr zufällig auch morgen, am Feiertag, offen? Ich muss bis Donnerstag zwei Essays fertigstellen und habe heute angefangen.“

Marcelo macht das Universalgesicht für Was weiß ich denn, ich bin hier nicht zuständig und prustet ein bisschen Luft aus, bloß, dass er hier definitiv zuständig ist.

Paz haut ihre Kollegin Cami in die Pfanne und springt mir bei:

„Sie muss zwei Essays fertigkriegen, Marcelo!“

Marcelo lässt sich zu keiner Aussage hinreißen, aber ich lerne, dass das Öffnen und Schließen von Cafés an manchen Feiertagen wohl einfach Verhandlungssache ist. Am Montagmorgen hat sich Marcelo entschieden und mir wird wieder einmal bewiesen, dass man in Chile ohne Instagram ein scheußlich uninformiertes Leben führen würde. Noch aus dem Bett öffne ich die vermaledeite App und sehe: Das Café hat sich für mein Studium und gegen das Ausschlafen von Cami und Marcelo entschieden. Beim Dorthinschlappen fällt mir auf, dass sogar mein Käse-und-manchmal-TK-Erbsen-Laden heute, am Feiertag, offen hat, obwohl er sonntags geschlossen ist.

Also, was will ich mit der Story sagen?

Es gibt in Chile sog. feriados irrenunciables (nicht verzichtbare Feiertage: 1. Januar, 1. Mai, die Nationalfeiertage 18. & 19. September, 25. Dezember), an denen die meisten Beschäftigten im Handel nicht arbeiten dürfen. Und dann gibt es feriados no irrenunciables (das ist wirklich das offizielle Wort), an denen darf größtenteils gearbeitet werden, wenn man denn Bock hat. Gut für mich und meine Hausarbeit über die Vertikalisierung des Stadtteils Santa Isabel in Santiago Centro, und auch gut fürs Café-Business, stellt Marcelo erfreut fest.


Saludos, 

Karla 


Zuletzt noch ein Blick in die Nationalbibliothek

Auch die Nationalbibliothek. Ein Raum voller altehrwürdiger Bücher, gespendet von José Toribio Medina (Bibliograph und Historiker), dem der gesamte Raum gewidmet ist.

Einfach ein toller Baum in "meinem" Park Parque Bustamante


~ Ausdruck des Tages: Estar chato de algo = etwas satthaben. Jetzt erinnern wir uns mal kurz alle an die letzten Ausdrücke des Tages für den folgenden fortgeschrittenen chilenischen Beispielsatz: „Ese weón me tiene chato con su wea.“ = Der Typ nervt mich mit seinem Zeug.

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