Hola!
Dieser Blogpost wurde primär gesponsort von Ich habe keine Lust darauf, meine Präsentation vorzubereiten.
Hier die angekündigte Geysir-Collage aus der Atacamawüste:
Sie sind alle so unterschiedlich!
Besonderheiten in Chile
Ich weiß nicht, ob die Chilen:innen bzw. Santiaguinos
europäischer sind oder ob mich nach dem Leben im kolumbianischen Kleinstdorf
Cucaita nicht mehr so viel überrascht, aber ich habe für diesen Post nicht
allzu viel gefunden. Ein paar Sachen aber schon: Hier ist meine sehr subjektive
Aufstellung an chilenischen Besonderheiten des Alltags (geprägt natürlich vor
allem durch mein Leben in der Hauptstadt).
Überall Zumba in Parks.
Das bedarf nicht viel Erklärung. In
den wärmeren Monaten konnte man abends an vielen öffentlichen Grünflächen laute
lateinamerikanische Musik und ebenso motivierte Animation hören. Beim näheren
Hinschauen entdeckte man dann eine instruierende Person auf irgendeiner
Erhöhung und dahinter eine Gruppe sportlich gekleideter Menschen aller
Altersgruppen, die enthusiastisch mittanzten.
Sie lieben Gruppenfotos.
Das ist wahrscheinlich keine
chilenische sondern eine generell lateinamerikanische Vorliebe, merken meine
Mitbewohnis an. Jedenfalls bin ich auf unglaublich vielen Gruppenfotos drauf.
Bei jeder Aktion mit Cauc (die studentische
Internationale-Studierende-Bespaßungs-Initiative) werden mindestens drei
verschiedene gemacht, nach jedem Tanzkurs machen wir ein Spiegelfoto zusammen.
Bei meiner letzten Uni-Exkursion zu einer ehemaligen Mülldeponie, die jetzt ein
Park ist, bestand Prof Kay natürlich auch auf ein Gruppenfoto (das er uns immer
noch nicht geschickt hat). Und bei den wirklich anstrengenden funktionellen
Kursen meines Fitnessstudios macht man auch nach durchgestandenem Training
Gruppenfotos – durchgeschwitzt, knallrot und mit Puls auf 160.
Und die meisten landen noch nicht einmal auf Instagram. Also ich weiß nicht genau, wofür.
| Die Abschiedsveranstaltung von Cauc letzten Samstag |
![]() |
| Eins der Gruppenfotos nach einer der (viel zu anspruchsvollen) Bachatastunden |
Die Liebe zum Warnblinker.
Nirgendwo habe ich täglich so
viele beidseitig blinkende Autos gesehen. Der Warnblinker ist so viel
vielseitiger einzusetzen, als wir es uns vorstellen können. Nämlich generell
für „Achtung, ich mache etwas anderes als geradeausfahren“.
Rechts an den Rand fahren? Warnblinker.
Mitten auf der Straße wenden? Warnblinker.
Ich stehe am Rand und werde jetzt auf die Straße wechseln?
Warnblinker.
Ich verstehe das bis zu einem gewissen Grad. Es macht mehr
Spaß, auf den roten Knopf in der Mitte drücken zu dürfen, als so ‘nen Hebel am
Lenkrad um einen Zentimeter hoch- oder herunterzubewegen.
Wäsche waschen und aufhängen.
Das ist zumindest bei mir zuhause
ein Thema. Wir haben eine WG-Waschmaschine – schonmal top. Diese hat lediglich
einen Kaltwasseranschluss und darf nicht höher schleudern als auf 400, weil
sonst die Sicherung rausfliegt. Andere Internationals haben einfach keine
Waschmaschine und müssen immer in den Waschsalon, like in the olden days. Das
Aufhängen bei mir in der Wohnung ist spannend. Es gibt keinen Wäscheständer.
Dafür zwei Seile in unserem Innenhof, aber ohne richtigen Boden, weil wir
im ersten Stock wohnen, und der Zugang ist durch ein Fenster. Auf die Seile
passt bei weitem nicht alles einer Maschine, also sind vor meinem Fenster noch
zwei metallene Rahmen, zwischen die man Seile spannen könnte und an die ich
Kleinsachenaufhängungen wie im unteren Foto anbringe.
| Wenn die Mitbewohnis die guten Kleinsachenaufhängungen benutzen, nimmt man mit diesem kreativen Utensil vorlieb. |
| Die Aufhängsituation im "Innenhof" |
Lasst euch nicht von der Kleidungswahl in den Fotos über die Temperaturen täuschen, das ist lange her und ich friere seit Wochen in Übergangsjacke vor mich hin. Es sind nachts um die null Grad und tagsüber bis zu 18 °C. Das heißt aber auch leider, dass mein Zimmer maximal 18 °C hat. Ich bin gerade zum dritten Mal erkältet.
Erdbeben und Aufstand.
Wenn man sich in Chile fragt „Warum sieht dieses Haus/diese
Stadt so aus?“, dann ist die Antwort mit hoher Wahrscheinlichkeit entweder
Erdbeben oder Estallido Social*.
„Warum wurde diese Kirche (spezifisch Nuestra Señora de los
Dolores) ursprünglich neoklassisch gebaut und steht jetzt mit neoromanischer
Architektur hier?“ Erdbeben.
„Warum stand das Schlösschen mal am Strand und droht nun
jeden Tag, ins Meer zu stürzen?“ Erdbeben.
„Ist dieses Viertel gefährlich? Ich sehe überall Gitter vor
den Fenstern.“ Nein, die Gitter sind dort seit dem Estallido Social, es ist
eigentlich sicher hier.
"Warum trägt der Mann da drüben an der Ampel eine Augenklappe?" Estallido Social.
„Die Metrostation Baquedano ist so geräumig und neu, dabei
ist sie eine der ältesten und umschlagstärksten Stationen, wie kommts?“ Sie
wurde im Estallido Social komplett zerstört und danach neu gebaut.
„Warum benutzte dieses Weingut (Viña Cousiño Macul) Eiweiß im Mörtel seiner Gewölbe?“ Erdbeben.
„Warum gucken alle die Polizei so verächtlich an?“ Estallido
Social.
„Warum ist diese Villa (Palacio Carrasco), die 1928 begonnen wurde zu bauen, immer noch nicht fertig?“ Lange Geschichte, aber letztendlich natürlich – Erdbeben. Vier verschiedene Erdbeben.
| Das ist übrigens besagte durch vier Erdbeben immer wieder zerstörte/beschädigte Villa Palacio Carrasco. Sie steht in Viña del Mar. |
| Nochmal der Palacio Carrasco von vorne. |
*Kurzer Geschichtsexkurs: Der Estallido Social (Soziale Aufstand) begann im Oktober 2019.
Ausgelöst wurde er durch bereits langfristig bestehende
soziale Ungleichheit, eine Krise der politischen Repräsentation mit viel
Misstrauen und die Auswirkungen des neoliberalen Wirtschaftssystems auf
Sozialleistungen (Rente, Gesundheit, Bildung), aber spezifisch brachte die
Ankündigung der Regierung unter Präsident Sebastián Piñera, die Preise für die
Metro um 30 Pesos (ca. 3 Cent) auf 830 Pesos zu erhöhen, das Fass des Unmuts
zum Überlaufen. Der Slogan
lautete: “No son 30 pesos, son 30 años” – Es sind keine 30 pesos, sondern 30
Jahre. Hauptsächlich Studierende stürmten zuerst die Metrostationen Santiagos
und dann die Straßen, auch in weiteren Städten. Es wurde viel zerstört – Bushaltestellen, Supermärkte,
öffentliche Einrichtungen. Die Regierung sah sich gezwungen, die
Preiserhöhungen zurückzunehmen, verhängte aber gleichzeitig den
Ausnahmezustand, was Ausgangssperren und den Einsatz des Militärs zufolge
hatte. Aber es war bereits alles losgetreten. Die Proteste wuchsen. Am 25.
Oktober 2019 fand die größte Demonstration in der Geschichte Chiles statt – allein
in Santiago marschierten 1,2 Millionen Menschen friedlich für
Würde und Gerechtigkeit. Aber die Polizei (chilenisch: carabineros, abwertendes
Wort: pacos) fing mit drastischen Repressionen an. Mit harten Gummigeschossen wurden
Demonstranten bis zu Erblindung verletzt, tausende wurden festgenommen und
misshandelt. Polizei war auch undercover bei den Demonstrationen dabei und nach
Augenzeugenberichten an mehr Zerstörung beteiligt. Umfangreiche Berichte und
Beweise dokumentieren systematische Polizeigewalt und schwere
Menschenrechtsverletzungen. Bis zum 06.12.19 wurden 352 Personen mit
Augenschäden registriert, was eine alarmierend hohe Zahl ist.
Am 15. November einigte sich die politische Klasse auf das „Abkommen für den sozialen Frieden und eine
neue Verfassung“, die Proteste gingen mit schwankender Intensität aber weiter,
bis sie abrupt durch das Ausbrechend der Corona-Pandemie im März 2020 beendet wurden.
Noch ein Fakt zur sozialen Ungleichheit: Der Einkommens-Gini-Koeffizient lag für Chile laut Weltbank im Jahr 2017 bei 45,3 %. Diese Zahl, die zwischen 0 und 100 % liegen kann, sagt aus, wie gleich oder ungleich das Einkommen im Land verteilt ist (0 % = vollkommende Gleichverteilung; 100 % = eine Person hat alles). Der letzte erhobene Einkommens-Gini in Chile ist aus 2024 und liegt bei 43 %. Für Deutschland liegt der letzte aus 2022 stammende Koeffizient übrigens bei 33,7 %, mit steigender Tendenz.
Und zu guter Letzt:
Es gibt Feiertage und es gibt „Feiertage“.
Das habe ich gestern gelernt. Gestern, am 29.6., war nämlich ein
„Feiertag“, der heißt San Pedro y San Pablo. Niedlich, nicht? Mein
Lieblingscafé, in dem ich mein halbes chilenisches Leben verbringe, um Essays
zu schreiben, hat neuerdings auch sonntags offen. Ich sitze also am Sonntag
drin und quatsche mit Barista Paz und Cafébesitzer Marcelo. Irgendwann frage
ich:
„Habt ihr zufällig auch morgen, am Feiertag, offen? Ich muss
bis Donnerstag zwei Essays fertigstellen und habe heute angefangen.“
Marcelo macht das Universalgesicht für Was weiß ich denn, ich bin hier nicht zuständig und prustet ein
bisschen Luft aus, bloß, dass er hier definitiv zuständig ist.
Paz haut ihre Kollegin Cami in die Pfanne und springt mir
bei:
„Sie muss zwei Essays fertigkriegen, Marcelo!“
Marcelo lässt sich zu keiner Aussage hinreißen, aber ich
lerne, dass das Öffnen und Schließen von Cafés an manchen Feiertagen wohl
einfach Verhandlungssache ist. Am Montagmorgen hat sich Marcelo entschieden und
mir wird wieder einmal bewiesen, dass man in Chile ohne Instagram ein
scheußlich uninformiertes Leben führen würde. Noch aus dem Bett öffne ich die
vermaledeite App und sehe: Das Café hat sich für mein Studium und gegen das
Ausschlafen von Cami und Marcelo entschieden. Beim Dorthinschlappen fällt mir
auf, dass sogar mein Käse-und-manchmal-TK-Erbsen-Laden heute, am Feiertag,
offen hat, obwohl er sonntags geschlossen ist.
Also, was will ich mit der Story sagen?
Es gibt in Chile sog. feriados
irrenunciables (nicht verzichtbare Feiertage: 1. Januar, 1. Mai, die
Nationalfeiertage 18. & 19. September, 25. Dezember), an denen die meisten
Beschäftigten im Handel nicht arbeiten dürfen. Und dann gibt es feriados no irrenunciables (das ist
wirklich das offizielle Wort), an denen darf größtenteils gearbeitet werden,
wenn man denn Bock hat. Gut für mich und meine Hausarbeit über die
Vertikalisierung des Stadtteils Santa Isabel in Santiago Centro, und auch gut
fürs Café-Business, stellt Marcelo erfreut fest.
| Zuletzt noch ein Blick in die Nationalbibliothek |
| Auch die Nationalbibliothek. Ein Raum voller altehrwürdiger Bücher, gespendet von José Toribio Medina (Bibliograph und Historiker), dem der gesamte Raum gewidmet ist. |
| Einfach ein toller Baum in "meinem" Park Parque Bustamante |
~ Ausdruck des Tages: Estar chato de algo = etwas satthaben. Jetzt erinnern wir uns mal kurz alle an die letzten Ausdrücke des Tages für den folgenden fortgeschrittenen chilenischen Beispielsatz: „Ese weón me tiene chato con su wea.“ = Der Typ nervt mich mit seinem Zeug.


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