Mittwoch, 13. Juli 2016

Vom Berühmtsein und Streiks

Guten Morgen, ein letztes Mal aus Kolumbien

In einer Woche bin ich gerade auf dem Weg nach Bogotá, zum Flughafen, und morgen in einer Woche bin ich gerade in Frankfurt angekommen. Die Melancholie des nicht-gehen-Wollens hat mich eingeholt.

Unvergesslich machen
Vor einer Woche waren Fiestas in Cucaita. Laura und Karla wären nicht Laura und Karla, wenn wir diese nicht vernünftig genutzt hätten, um uns gebührend bei unseren Cucaitanern zu bedanken.
Wir hatten also ein Lied geschrieben. Nein, das trifft es nicht ganz. Wir hatten sechs Lieder umgeschrieben. Aus jedem hier signifikanten Genre hatten wir ein Lied herausgesucht, dann ein Mashup zusammengeschnitten und einen neuen Text daraufgedichtet. Das fertige Werk wurde dann im Ecuadorurlaub bis zum Umfallen geübt und auch eine kleine Choreographie einstudiert. Wenn schon, denn schon.
Am Sonntag um 10.30pm, als der Dorfplatz gut gefüllt war, spazierten wir zwei dann auf die Bühne und sangen und tanzten unser Lied „Qué Gracias Sumercé“.
Und auch wenn wir definitiv schon einmal besser gesungen hatten und uns selbst fast nicht hörten waren die Dörfler angemessen begeistert. Als wir von der Bühne kamen, durften wir eine Menge Fotos mit einer Menge mir nicht immer bekannter Leute machen.
Falls euch interessiert, wie das so aussah – es ist bereits auf Youtube (der Ton wird im Verlauf des Lieds besser):


In dem Lied erzählen wir davon, wie unsere Familie anfangs gegen Kolumbien war, wir uns aber durchsetzten und in Cucaita viele tolle Leute kennenlernten und uns in dieses kleine Dörfchen verliebten. Hier und da machen wir ein paar Anmerkungen zu diversen Bier- und anderen Alkoholsorten. Wir zählen ein paar wichtige Orte des Dorfes (Bäckerei, Apotheke, Polizei, Rathaus), sowie typische Leckereien auf.
Dann gehen wir zu unserer Arbeit über. Sowohl Grundschule und Weiterführende als auch die Bibliothek wurden von uns besucht, und in einer herzzerreißenden Zeile singen wir, wie gut uns doch die Schulen gefallen und wie lieb wir die Kinder gewonnen haben.
Wir fügen hinzu, dass wir Spanisch schnell erlenen würden, und dann kommt ein Rapteil, den wir zum größten Teil auf deutsch durchziehen.
Das folgende Lied besteht aus einer Aufzählung an Früchten und Orten, die wir hier kennenlernten. Auch die Musik darf natürlich nicht fehlen, also geben wir zu, wie gut uns Latinomusik gefällt und gehen dann zum tiefgreifenderen Teil über. Hier erzählen wir, dass wir nicht gehen wollen. Wir geben den Cucaitanern das Versprechen, sie nie zu vergessen, laden sie nach Deutschland ein und fügen hinzu, dass wir wiederkommen werden. Das Lied endet mit einem „se acabó“ - es ist vorbei.


Das hier zeigt ziemlich gut, was wir eine halbe Stunde lang machten.
Fiestaas!

 
LKW-Fahrer verursachen Krise
Seit über einem Monat befinden sich die LKW-Fahrer im Streik und seit ein paar Tagen sind die Auswirkungen deutlich zu spüren. Da es kein Bahnsystem gibt wird alles, wirklich alles, über diese Vehikel transportiert. Die Folgen des nicht-Arbeitens der 'camioneros' (der LKW-Fahrer) sind kein Benzin und Mangel an Lebensmitteln (und folgerichtig steigende Preise). Auf dem Land kann man immer noch Obst, Gemüse und Milch von den Nachbarn beziehen, die bauen ja alles lokal an. In der Stadt gibt es mehr Vorräte, nur von Joghurt und Toastbrot habe ich gehört, dass sie in ein paar Supermärkten knapp werden.
Seit gestern gibt es außerdem keine Schulbusse mehr, die meine Schüler aus den Nachbardörfern herankarren. Es fehlt eben das Benzin. Und auch Lehrer fehlen, da sie von weiter weg kommen und es keine Transportmöglichkeit mehr gibt. Jetzt gerade hätte ich eigentlich Unterricht, aber profe María hat es nicht nach Cucaita geschafft.

Laura und ich wollten mehr über die Motive der Camioneros wissen, also gingen wir zum Ortseingang, wo die Camioneros Cucaitas gemeinsam mit ihren LKW die Tage und Nächte verbringen, und ließen einen von ihnen erklären:

„Initiiert wurde dieser Streik, da wir quasi unbezahlt arbeiten. Wir Camioneros werden pro Tonne bezahlt, die wir transportieren. Verrechnet mit den Ausgaben, die wir für die Fahrt haben (Benzin, Instandhaltung, Maut), kommen wir mit unserer Arbeit nicht ins Plus.
Zudem hatte die Regierung einen Fond eingerichtet, um die alten LKW durch neue zu ersetzen. Es war auch genug Geld da, aber plötzlich reichte es doch nicht aus. Ich schiebe das auf die Korruption.
Wir kleinen Leute haben außerdem Angst vor den großen Firmen, die ins Land gebracht werden. Sie nehmen uns die Arbeit weg.
Ein weiterer Punkt sind die Mautgebühren. Die Mautstellen und ihre Preise erhöhen sich in ungerechtfertigtem Maße. Auf der 120km-Strecke von Tunja nach Bogotá muss ich durch 3 Mautstellen, wer soll das denn bezahlen?
Wir Camioneros halten hier Tag und Nacht Wache, in Schichten, um Präsenz zu zeigen. In dem Zelt haben wir sogar eine Art Küche, in der wir Mahlzeiten für alle zubereiten. Wir stehen zwar unter ständiger polizeilicher Beobachtung, auch von 'undercover' Polizisten, aber wir hatten bis jetzt nicht eine Auseinandersetzung. Es geht alles sehr diszipliniert zu.
Eigentlich wollen wir nicht streiken, aber wir werden weitermachen, bis die Regierung endlich etwas macht. Bis wir zu einem Einverständnis kommen und eine eindeutige Lösung gefunden wurde. Letztes Mal haben sie uns nämlich betrogen und falsche Versprechungen gemacht.“

Soweit die Meinung eines sich im Streik befindenen LKW-Fahrers.

Die Regierung scheint nicht gewillt, nachzugeben. Manuel Santos, der Präsident Kolumbiens, rief gestern im Fernsehen die Camioneros auf, die arbeiten wollen, dies zu tun. Ein paar LKW fahren tatsächlich, allerdings immer begleitet von einem riesigen Polizeiaufgebot.

Inzwischen machen wir Freiwillige uns vor allem Sorgen um unseren Rückflug. Wie sollen wir nach Bogotá kommen?

Der Streik in Cucaita



~ Wort des Tages: „pelado“. Gepellt sein. Ein volkstümliches Wort für pleite, und das bin ich gerade, da ich so wenig wie möglich abhebe. Denn was will ich in Deutschland mit kolumbianischen Pesos?

Dies war mein letzter Post aus Kolumbien, meiner neuen Heimat. Ich werde schon ganz melancholisch. Lieber aufhören.

Chao,
Karla

Mittwoch, 6. Juli 2016

Gleiche Flagge, anderes Land

Buenas!

Ich habe ein weiteres Land Südamerikas kennengelernt. Laura und ich bereisten für zwei Wochen unser Nachbarland Ecuador.
Ja, trotz, oder vielleicht gerade wegen des Erdbebens. Viele Orte, und vor allem die Küstenregionen, leben ausschließlich vom Tourismus und auf unserem Besuch dort mussten wir feststellen, dass die sonst so belebten Dörfer wie ausgestorben sind. Dabei kam dort das Erdbeben noch nicht einmal an.

Im Flugzeug ging es in die mit 2850m höchstgelegene Hauptstadt der Welt, Quito. Ein kurzes Treffen mit meiner Freundin Mara, die hier ebenfalls einen weltwärts-Freiwilligendienst leistet. 20 beantwortete Fragen später saßen wir im Nachtbus nach Puerto Lopez.


Küste

Puerto López ist ein (eigentlich touristisches) Dörfchen an der Südküste. Die krasse Hitze, vor der wir gewarnt wurden, blieb aus. Oder ist einfach im Vergleich zur kolumbianischen Karibik nichts. Dafür sehr angenehme Temperaturen um die 30°C und menschenleere Strände.
Selbst an dem als schönsten Ecuadors beworbenen Strand namens „Los Frailes“ konnte man 500m entlangwandern und begegnete nur einem Menschen und 183 Krebschen. Da konnten Laura und ich natürlich nicht widerstehen und machten erst einmal Fotosession. Zum Baden lud das Meer auch aufgrund des starken Wellengang nicht besonders ein.

Sonnenuntergang in Puerto López
Puerto López
Los Frailes. Der Ort für tiefgründige Fotos.

Am darauf folgenden Tag ging es zur Isla de la Plata, zur 'Silberinsel' also. Diese ist auch als 'Galapagos für Arme' bekannt, weil man ebenfalls viele Vogelarten beobachten kann, aber für viel weniger Geld und Zeit.
Das Highlight der Tagestour war die Walbeobachtung auf der Hinfahrt. Man stellt sich das nicht besonders spektakulär vor. Einfach Wale, die manchmal aus dem Wasser gucken.
Es ist aber recht spektakulär. Die schiere Größe der Tiere und dann auch noch aus der Nähe ist beiindruckend. Und wenn sie dann noch halbe Salti machen...
Die Insel selbst war staubtrocken, konstant sonnenbeschienen und voll mit Blaufußtölpeln. Wir bekamen auch erklärt, woran man die Weibchen von den Männchen unterscheiden kann: Sie haben größere Pupillen, einen kräftigeren Körperbau und geben krächzende Geräusche von sich, während die Männchen eher pfeifen. Sehr lehrreicher Ausflug, nicht wahr?

Winkender Wal
Fliegender Wal

Isla de la Plata
Blaufußtölpel. Vorne Männchen, hinten Weibchen.

Karla und Laura auf den Klippen der Isla de la Plata

Unsere Jacht

Eine Stunde die Küste herunter liegt das kleine Partydorf Montañita. Süßer Name, wenn ihr mich fragt (heißt Bergchen). Dort verbrachten wir den Mittwochabend, schauten das Halbfinale Kolumbien gegen Chile, verloren leider, aber gingen dann trotzdem voller 'Nationalstolz' in Trikot feiern. Eigentlich ist Montañita nämlich für seine legendäre Partyszene bekannt. Aber an einem Mittwoch ein paar Wochen nach dem Erdbeben... war es doch ziemlich leer.
Tagsüber kann das Dorf mit einem 1a Wellengang (Surfen!), leckeren Frühstücksständen (Pfannkuchen!), niedlicher Architektur (Bambusbalkongeländer!) und super gechillten bezahlbaren Hostels (das Chichi Babylone Hostel!) aufwarten.

Montañitas Häuser

Über Nacht verließen wir den Pazifik und tauschten ihn gegen Kälte in Otavalo ein.


Otavalo

Den gesamten Freitag hingen wir mangels Schlaf untätig in dem dicht indigen besiedelten Großdorf Otavalo herum und lernten ein paar schönes Cafés kennen. Abends trafen wir uns dann mit unserem Couchsurfer Julius, buken gemeinsam eine Quiche und gingen danach Salsa und Bachata tanzen.
Wir hatten natürlich vorsätzlich einen Samstag für unseren Otavalobesuch gewählt, da dort immer Samstags der größte indigene Markt Südamerikas stattfindet. Handeln obligatorisch. Am besten geht man frühmorgens oder spätnachmittags hin, da die Händler dann eher dazu neigen, dir ihre Ware für deinen Preis zu verkaufen.

Der Markt in Otavalo



Nachmittags kamen Mara und ihr Freund Junior hinzu und nach einem typischen Mittagessen klärten wir uns ein Taxi, das uns zur 'Laguna Cuicocha' brachte. Die ist wirklich schön. Es wurden witzige Fotos gemacht.
Dann ging es nach Quito, wo wir sogar bei Juniors Familie schlafen durften. Samstag Nachts wurden die Clubs der Mariscal (dem Partyviertel Quitos) unsicher gemacht und am darauffolgenden Abend kamen wir bereits in Mindo an.

3x Hulk vor Lagune

Tiefgründiges Foto mit meinem neu erstandenen Rucksack.


Mindo

Mindo ist eigentlich wie Cucaita. Nur wärmer, mit viel mehr Touristen gespickt und vielen Hostels und tollen Restaurants. Aber eigentlich genauso wie Cucaita.
Es herrscht eine Luftfeuchtigkeit von 100%, aber Laura und ich empfanden das Klima als sehr angenehm, vor allem nach der trockenen Großstadt Quito. Junior, der dort wohnt, organisierte uns ein schönes Hostel, und dann gingen wir erst einmal Pizza essen. Unsere Bedienung war eine ältere Dame aus Kolumbien, die ziemlich gefeiert hat, dass wir auch aus Kolumbien sind (und mal wieder unsere Trikots trugen). Die Pizza kam übrigens aus dem Steinofen und war genial.
Den Montag verbrachten wir aktiv mit Canopy, essen, Schmetterlingsgucken und essen. Die Restaurants in Mindo sind aber auch wirklich gut. Beim Canopy (oder auch Ziplining genannt) rutschten wir an zehn verschiedenen Seilen über grünen Wald und ein paar Pferde, was ich sowieso schon immer mal machen wollte. Die Bahnen hätten allerdings noch etwas schneller sein können finde ich.
Nach dem Mittagessen spazierten Laura und ich zu einem Schmetterlingshaus und merkten, dass wir die Insekten von Nahem doch nicht so schön finden. Vor allem nicht diese handtellergroßen. Laura ließ es sich jedoch trotzdem nicht nehmen, 20min lang mit Honig auf dem Finger kleinen bunten Schmetterlingen hinterherzulaufen, um schlussendlich dieses Foto zu bekommen.


Ziplining.


Abends testeten wir das Hummingbird-Restaurant, das sich komplett auf vegetarisch/vegane Quinoa-Produkte spezialisiert und spektakulär gute Quinoa-Burger macht.
Dienstag morgens quälten wir uns um fünf Uhr morgens aus dem Bett und beobachteten vier Stunden lang Vögel. Die Kolibris und Tucane waren es schon wert, aber ich werde definitiv keine große Vogelbeobachterin.

Ein paar der vielen Vögel, die wir zu Gesicht bekamen

Bester Quinoa-Burger!

Zurück in die 2 Millionen-Hauptstadt.

Quito

Unser Hostel dort ('The Secret Garden') darf sich zurecht zu einem der besten im Land zählen, weshalb wir hier gerne die Nachmittage auf der Dachterrasse verbrachten, wo es sowohl Wlan als auch free coffee gab.
Ich wiederhole es noch einmal.
Dachterrasse. Wlan. Kaffee.

Und nicht nur Kaffee, Tee gab's auch auf der Dachterrasse!

Kirchen fotografiere ich eigentlich nicht, aber diese Schildkrötenreliefs, die mussten sein!
Warum gibt es nicht auch in Deutschland so flauschige Tauben?

Zugegebenermaßen kann man in Quito nicht soo viel machen, aber da wir am Ende unsere Reise und in dem super Hostel (mit Dachterrasse, Wlan und Kaffee) waren, kamen uns drei Tage Aufenthalt hier gelegen.
Wir fuhren auf den Hügel 'El Panecito' hinauf (witziger Name, das heißt Brötchen) und nahmen am nächsten Tag die Seilbahn auf den Hausberg 'Pichincha' (5000m hoch). Da oben ist es kalt und man fühlt sich sofort unsportlich, weil man einfach nicht schneller als Spaziertempo gehen kann, ohne dass einem die Luft ausgeht. Besser also, man genießt einfach die Aussicht auf das langgestreckte Quito und macht viele viele Fotos.

Auf dem Panecito
Pichincha, mit Aussicht auf Quito.

Lustige Wandernde auf Pichincha.

Die letzte wichtige Attraktion, die wir uns natürlich nicht entgehen lassen konnten, ist die kleine Fußgängergasse 'La Ronda'. Hier findet man gute Cafés und Riesenempanadas. Also trafen wir uns mit einer Freundin von Laura, setzten uns in ein Café, tranken heiße Schokolade (die beste, die ich jemals getrunken haben werde!) und zogen danach weiter, um uns eine Riesenempanada zu teilen.
Diese Empanadas sind wirklich verdammt riesig, verdammt fettig und sehr lecker. Und preiswert. Perfektes Abendessen für mittellose Backpacker.

Wichtige Gebäude in Quitos Altstadt
Der zentrale Platz Quitos.
Karla, Laura Luisa und die Riesenempanada


Es war unbestreitbar ökonomisch richtig, den frühen Flug nach Bogotá zu nehmen. Die praktische Umsetzung aber erforderte dann doch einige Überwindung. Wir schliefen die Nacht von Freitag auf Samstag einfach gar nicht, waren um 11 Uhr abends am Flughafen, kamen gegen 3am in Kolumbien an. Pünktlich zum Frühstück schloss ich völlig zerstrubbelt und mit klitzekleinen Augen die Haustür auf.
Am Abend gingen die Fiestas los. Samstag, Sonntag und Montag. Schlaf wird sowieso vollkommen überbewertet.


Durch meine (zugegeben kurze) Reise nach Ecuador lernte ich auch 'meine' kolumbianische Kultur noch weiter kennen, da man vieles, dass inzwischen normal geworden ist, noch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen lernt. Dadurch, dass wir Freunde dort haben, durch den Kontakt mit unserem Couchsurfer und vor allem durch den Aufenthalt in Juniors Familie blieb der Urlaub nicht so oberflächlich und touristisch, wie das vielleicht sonst der Fall gewesen wäre.
Ich kann jedenfalls sagen, dass Ecuador eine Menge zu bieten hat und das Erdbeben potentielle Besucher nicht abschrecken sollte. Die Menschen dort leben vom Tourismus und haben momentan wirklich Probleme, über die Runden zu kommen.


~ Wort des Tages: „Siga no más“. Dieser Ausdruck, oder generell alles mit 'no más' ist sehr ecuadorianisch und hat anfangs die Freiwilligen dort etwas verwirrt, bedeutet er nämlich eigentlich 'nicht mehr'. In dem Sinn, wie ihn die Ecuadorianer tagtäglich anwenden, meint er aber eher etwas wie 'ist gut so'. Ach, und Siga meint etwas wie 'Tritt ein!'

Hasta luego,
Karla


Mittwoch, 29. Juni 2016

Schweiß doesn't importa

Guten Morgen zusammen!

Ich bin zwar gerade in Ecuador, werde euch jetzt aber erst einmal über meine viertägige Wanderung zur 'Ciudad Perdida', also der verlorenen Stadt erzählen.

Gemeinsam mit Johanna und Laura flog ich am Freitag (Ferienbeginn) nach Santa Marta. Ja, da waren wir bereits im Dezember/Januar, aber alle sechs Monate kann man sich ja mal Karibikurlaub gönnen. Nach einem entspannten Samstag begannen Laura und ich am Sonntag die Wanderung mit dem Veranstalter Wiwa Tour. Johanna konnte leider nicht mitkommen, da sie zu krank war. Sie machte die Tour zwei Tage später, alleine.
Wir zwei Verbliebenen trafen also gegen 8am auf den Rest unserer Gruppe und unsere eineinhalb Gruppenführer. Unser indigener Guide, Gabo (alias Klaus), hatte nämlich immer seinen kleinen Bruder, Shemako (alias Lasse), dabei. Kuschelig zusammengedrängt ging es im Jeep los, eine Stunden lang zum Ausgangspunkt der Wanderung fahren.
Mittagessen.
Dann ging endlich das los, wofür wie die vergangenen Monate sporteln gegangen waren. Für die vier Tage trug jeder seine eigenen Sachen im Rucksack mit sich herum, mehr hatte man eben nicht dabei. Die Verlorene Stadt liegt in der Sierra Nevada de Santa Marta, einer Bergkette abgetrennt von den Anden, die sich das höchste Küstengebirge der Welt nennen darf.
Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass die ersten zwei Stunden die härtesten der gesamten Wanderung waren. Die Sonne schien erbarmungslos auf uns herab und wir quälten uns einen staubigen Weg ohne Schatten hinauf. Peinlicherweise gab mein Kreislauf kurz auf und ich lag für fünf Minütchen auf dem Boden. Danach ging es aber nur noch bergauf (no pun intended).
Erster Lichtblick des Tages war dieser Stand hier:

Lebensrettende Wassermelone!

Zweiter Lichtblick des Tages war diese tolle Aussicht plus die Ansage von Gabo, dass es von hier an nur noch eine Stunde bergab ginge.

Just casually sitting here.

Tatsächlich liefen wir nur drei Stunden lang. Nichts im Vergleich zu dem, was folgen würde.

Jede Gruppe hat ihren eigenen Koch, der eine unglaubliche Arbeit leistet. Er kocht nicht nur drei Mahlzeiten für alle 11 Teilnehmer plus Guides und wäscht ab, sondern macht auch die gesamte Wanderung mit, nur schneller als wir. Jeden Tag zog er noch vor uns los und sprintete die ganze Route durch, um bei unserer Ankunft schon fleißig in der Küche zu stehen. Das Essen war typisch kolumbianisch, aber perfekt für ausgehungerte Wandernde da sehr kohlenhydratreich (Reis, mehr Reis, Plátanos, Salat und eine Proteinquelle).
Geschlafen wurde in aneinandergereihten Betten unter Mosquitonetzen. Und obwohl die Matratzen sich in der Mitte schon bedenklich gen Boden neigten schliefen wir alle wie Babies.

Malerisch wanderender Indigene I

Malerisch herumstehender Indigene II
Die Betten im Camp

Der zweite Tag ist als der krasseste bekannt, was wir nun am Ende bestätigen können. Abgesehen davon, dass man fünf Stunden lang wandert, geht es eine Stunde lang unablässig steil nach oben. Aber irgendwann läuft man einfach weiter, egal wie anstrengend alles ist. Unser Motto außerdem: Schweiß doesn't importa. Will heißen: bei der Luftfeuchtigkeit plus Anstrengung schwitzen alle so oder so, juckt also keinen. 

Ein Wiwa-Dorf mit Schweinchen.

Just hiking casually.

In dieser Nacht schliefen wir nicht so gut.
Laura entdeckte nämlich gegen neun Uhr nachts einen sehr lebendigen Skorpion in ihrem Bett. Innerhalb des Moskitonetzes. Panisch lief ich unseren Koch holen, der daraufhin das Viech souverän mit einem Stock erledigte. Trotz gebannter Gefahr war die Nacht nicht mehr erholsam.

Um 4am begann der Tag für die Gabo (alias Klaus)-Gruppe. Im Dustern frühstückte man, dann ging es 1553 gefährliche Stufen hoch (ich habe gezählt), in die Ciudad Perdida. Bevor wir eintreten durften, durchliefen wir zuerst ein kleines Ritual, um den Zutritt zu erfragen. In einem Kokablatt in unserer linken Hand ließen wir alle unseren negativen Gedanken auf einem Stein zurück. Dann durften wir eintreten. 

Die ersten zehn der 1553 Stufen zur Ciudad Perdida.

Die letzten Stufen, vom Mamo erklommen.


Die Luft bestand zu 50% aus Sauerstoff und zu 50% aus Moskitos. Nicht so witzig.

Die Verlorene Stadt an sich besteht (unspektakulär ausgedrückt) aus runden Steinkreisen mit Gras drin („Terrassen“). Wie auf den Fotos zu sehen, ist sie aber tatsächlich ziemlich cool. Die Terrassen darf man nicht betreten, da sie den Indigenen heilig sind. Für sie ruhen dort ihre Vorfahren.

Wir, mit Gabo alias Klaus

Die verlorene Stadt mit malerischem Indigenen.

Wir erzählen jetzt immer allen, wir seien Zwillinge

Nach vielen Fotos und einem Besuch beim 'Mamo', dem männlichen Oberhaupt der Wiwa, durften wir unseren Knien eine Freude machen und all die Stufen wieder bedächtigst heruntertappen.
Johanna, die dies mit zwei Tagen Verspätung ebenfalls tat, schaffte es sogar, ein paar Meter dramatisch kopfüber herunterzufallen, nur um sich absolut gar nichts zu tun. 

Mamo, Kokablätter kauend, schenkt uns allen Armbänder

Wir begannen den Rückweg.
Nun, da man den Weg schon kannte, ging alles etwas einfacher. Damit es nicht zu langweilig wurde, fing es an, wie aus Kübeln zu schütten. Als wir nach drei Minuten gerade gut durchweicht waren, kam uns eine bekannte Person entgegen. Miriam! Schnelles Begrüßen („Was? Du auch hier?!“), ein Foto zusammen, und weiter.
Drei Stunden marschierten und schlidderten wir durch das Nass. Der krasse Aufstieg vom Vortag wurde im Handumdrehen zu einer lustigen Rutschpartie bergab. Aber irgendwann war einfach alles egal und Fakt ist ja, mit Regen im Gesicht gibt’s keinen Schweiß mehr!

Mülltütenrucksack!

Guck mal, wir haben Miriam gefunden!

Im Camp ankommen, Essen vernichten, in Betten fallen, früh aufstehen, wie gehabt.
Der letzte Tag brach an und motiviert legten wir die finalen Kilometer hinter uns. Laura und ich noch ein bisschen motivierter als die anderen, immer vorneweg. Zwischendurch trafen wir wie geplant Johanna und ließen unseren kleinen Guide Shemako (alias Lasse) ein Foto machen.

Guck mal, Johanna haben wir auch gefunden!

Sonnige staubige Piste, nur noch 20min


Und dann war der körperlich anstrengendste Urlaub, den ich bis dato gemacht habe, auch schon vorbei.
Falls ihr euch über die alias-Namen unserer Guides wundert: Nach dem ersten Tag hatte Gabo sich für Laura und mich indigene Namen ausgedacht, mit denen er uns den Rest der Tour ansprach. Wir sind jetzt also Laura, alias Lisa (englisch ausgesprochen) und Karla, alias Bǿle. Ehrensache, dass wir uns für die beiden europäische Namen ausdachten. 
Ich kann sagen, dass diese viertägige 50km-Wanderung eine super Erfahrung war und ich nun wandern mögen gelernt habe.



~ Wort des Tages: „Sungui“. Wird garantiert nicht so geschrieben. Das ist Wiwa und bedeutet Hallo. War cool, als wir die uns entgegenkommenden Indigenen auf ihrer Sprache grüßen konnten.

Hasta luego,
Karla

Donnerstag, 9. Juni 2016

Konstanter Kaffeekonsum und Salsa im Regen

Buenos días!

Karla hat sich endlich ein paar Ferientage genommen und ist mit Laura zusammen fünf Tage lang in die Kaffeezone („Eje Cafetero“) gefahren.
Um drei Uhr morgens ging der Freitag für uns in Bogotá los, sodass wir gegen sechs bereits in Pereira landeten. Aus Pereira, der Hauptstadt des departamentos Risaralda, ging es sofort weiter in ein kleines hübsches Dorf mit dem ebenso niedlichen Namen Filandia. Unser Hostel hieß "Bidea" und wir feierten neben der wunderschönen familiären Umgebung besonders den gratis Kaffee. Mit dessen Hilfe ließ es sich fantastisch Videos von unserem Projekt mit den Schüler*innen bearbeiten.

Den nächsten Tag nutzten wir, um dem Parque del Café einen Besuch abzustatten. Dieser ist Themenpark und Museum in einem, auch wenn die Kolumbianer*innen ersteres viel mehr zu nutzen wissen, während Laura und ich begeistert all die exotischen Pflanzen und Kaffeestraucher bewunderten. Man konnte endlose Spaziergänge durch die verschiedenen Kaffeefelder und Riesenbambuswälder machen, von Sessellift oder Seilbahn aus die unendliche Grüne unter sich bestaunen, selbstverständlich Kaffee bei Juan Valdez trinken (ein 'Coffee Shop', preislich und vom Sortiment her wie Starbucks, nur cooler, weil komplett von Kolumbianern und aus Kolumbien), bei den üblichen Verdächtigen Mittag essen, sich auf Achterbahnen wagen, schöne Fotos machen und herausfinden, wie viele kolumbianische Kaffeebauern deinen Nachnamen haben (null, komisch).

Hehe, Pflanze.

Ganz viel riesiger Bambus!


Netter Baum.


Weil wir somit lange keinen Sport mehr gemacht hatten, schwangen wir uns am Sonntag auf Räder für 1000 Pesos pro Stunde (30cent!) und fuhren Berge hinunter, bis zu einem genial gelegenen Café namens 'El Mirador', was die Aussicht gut beschreibt. Man saß zehn Meter über endloser Grüne, die aus Palmen, Kaffee-, Bananenpflanzen besteht.

Fabelhafte Aussicht auf  Kaffee!

Erstmal goennen.

Die Weiterfahrt erwies sich als kritisch, da es anfing, motiviert zu regnen und die billig gemieteten Räder, bzw. deren Bremsen, damit nicht einverstanden waren. Also fanden Laura und ich uns mitten auf einer einsamen Straße irgendwo zwischen Filandia und Quimbaya wieder. Wir legten die nutzlos gewordenen Fahrräder hin und winkten den vorbeifahrenden Transportmitteln, aber keiner hatte Platz für uns.
Es gibt ein Lied von Grupo Niche namens „Gotas de Lluvia“, also Regentropfen. Das hörten wir dann und tanzten dazu Salsa. Auf der Straße. Mit Regencapes. Vielleicht hat uns auch deshalb keiner mitgenommen.

Karla in Regencape mit den unbenutztbaren Raedern.


Letztendlich hielt aber doch noch jemand an und brachte uns mehr oder weniger trocken zurück nach Filandia, wo wir die erste Halbzeit des Fußballspiels Kolumbien vs. Haiti schauten und uns dann auf den Weg zum nächsten Hostel machten.

Das Hostel 'Mocambo' liegt mitten im Nirgendwo aber trotzdem nahe an dem populären Touristendorf Salento.
Dahin machten wir uns am Montag zu Fuß auf, trafen auf dem Weg eine Gruppe sehr netter Studenten aus Armenia (nächstgrößere Stadt) und verbrachten im Dorf ein paar Stündchen mit ihnen. Wir liefen auf den 'Mirador' hinauf (ja, alles was irgendwie höher liegt heißt so) und kauften ein paar Andenken (Kaffee, Kaffeearmbänder, Kaffeekekse, mehr Kaffee...).
Außerdem freuten wir uns über die fantastisch ausgestattete Küche des Hostels und kochten endlich mal Abendessen ohne Reis, ohne Kartoffeln und komplett vegetarisch.

Salento.

Lasagne! Nach 10 Monaten endlich wieder!


Der letzte Tag brachte eine abenteuerliche Jeepfahrt mit sich und eine Wanderung, die nicht ins Valle de Cocora führte.
Wir nahmen einen der sogenannten Willys (traditionell für den Kaffee-, heute für den Menschentransport genutzte Jeeps) zum Ausgangspunkt der Wanderroute ins Valle de Cocora (Cocora-Tal). Das Abenteuerliche an dieser Fahrt war, dass wir uns auf das Trittbrett hinten draufstellten. Sehr.. erfrischend und man sieht definitiv mehr von der Umgebung als innen drin.

Wach, motiviert und mit Regenjacken ausgestattet machten wir uns also auf. In der Nacht hatte es unpraktischerweise wie aus Kübeln geschüttet, sodass der Weg sehr schnell sehr matschig wurde. Wir kletterten aber unbeirrt weiter, inzwischen sind wir ja schon einiges gewohnt.
Irgendwann hörten jedoch die konstant da gewesenen Hufspuren (der Touristen schleppenden Pferde) auf. Es wurde immer matschiger. Und wenn ich matschig sage, dann meine ich wirklich. Wirklich. Matschig. So richtig ganzer-Fuß-ist-nicht-mehr-zu-sehen matschig.
Endlich trafen wir auf Menschen. Zwei Männer mit drei Mulis, die gemächlich den Berg herunterritten. Sie eröffneten uns, dass wir auf dem komplett falschen Pfad waren und diesem Weg noch zwei Tage folgen könnten, ohne irgendwo anzukommen.
Gut.
Wir aßen einen Apfel.
Dann begannen wir den Rückweg.
Schlamm bergab, yeah.

Maaatsch.


Endlich wieder unten.

Mystisch nebelumhangene Palmen!

So hatten wir am Ende des Tages wahrscheinlich die härtest mögliche Wanderung gemacht und ganz neue untouristische Gefielde kennengelernt.
Ist doch viel interessanter. Ins Valle de Cocora gehen ja alle.

Noch einmal kippten wir uns abends zwei Liter Kaffee und bearbeiteten das Video weiter, dann ging es am Mittwoch zurück nach Bogotá, wo ich am Busbahnhof mein Handy verlor (oder es mir geklaut wurde), sodass wir bei Dämmerung wieder im heimatlichen Dorf waren.


 ~ Wort des Tages: "Neblina". Niedliches Wort, oder? Man kann schon erraten, was es ist. Nebel.


Hasta luego,