Mittwoch, 11. März 2026

First steps, Feminismus und Folklore

Guten Tag und buenos días aus Santiago de Chile!

Herzlich willkommen zur diesjährigen Kolumne mit unzuverlässiger Taktung und unberechenbarer Länge.

Ich darf euch mitteilen, dass es im chilenischen Sommer genauso warm und wolkenlos ist, wie erwartet, und dass man in Chile gerne mit Milch oder Kakteen verglichen wird.

Aber beginnen wir von vorne. Mein Airbnb, in das ich mich die ersten zwei Wochen eingemietet habe, ist super, aber hat leider keine Hausnummer, weshalb ich es nur wegen meiner sehr hartnäckigen Taxifahrerin finden konnte. Sie lief fünf Minuten lang mit mir herum und weigerte sich, einfach wegzufahren und mich alleine zu lassen, obwohl im Auto noch weitere Leute saßen. Mit diesem positiven ersten Eindruck von den Chilen:innen betrat ich also mein Airbnb, das Casa Parcas, welches unübersehbar knallpink gestrichen ist, aber eben ohne Hausnummer vor sich hinhaust.

In meiner ersten Woche stolperte ich zwischen Unternehmungen mit anderen Internationals und drei Unikursen fünf Mal zu verschiedenen Läden von Mobilfunkanbietern, bis mein Handy sowohl angemeldet als auch mit SIM-Karte ausgestattet war, und stellte in Supermärkten erfreut fest, dass man hier viel mehr kaufen kann, als erwartet. Also wenn man das Geld dazu hat, denn die Preise unterscheiden sich im Großen und Ganzen nicht von Deutschland.

Erste Eindrücke von Santiago

- Tagsüber heiß (30 °C) aber aushaltbar, v.a. nachts angenehm.

Viele Bäume und andere Pflanzen überall dort in der Stadt, wo ich bisher war (Providencia und Zentrum). Ich sehe gut gedeihende alte Bäume, aber auch viele erst kürzlich gepflanzte mit Wasserbeuteln. Alles wird täglich bewässert.

Alles circa genauso teuer wie in DE (Am teureren Ende: Haferflocken 450g für 1,12 €, Milkatafel fast 3 €; am billigeren Ende: Blaubeeren ½ kg für 3,50€; irgendwo dazwischen: U-Bahn/Busse 80 Cent, unabhängig von der Strecke; kleines möbliertes Zimmer 200-400 € pro Monat)

Viele Fahrradfahrer mit Helm (es gibt eine Helmpflicht)

Vegetarische und manchmal sogar vegane Optionen vorhanden, v.a. bei Sandwiches und Empanadas.

Man kann das Leitungswasser trinken! Was ist das denn für ein Luxus?

Bisher sind alle erstaunlich pünktlich.

Alle Leute, mit denen ich bisher zu tun hatte und die nicht bei einem Telefonanbieter arbeiten, sind sehr liebenswürdig und hilfsbereit.

Unternehmungen mit den Internationals

Am Dienstag wurden wir Austauschstudis feierlich von meiner Uni, der Pontificia Universidad Católica de Chile (kurz UC oder PUC), willkommen geheißen. Neben den üblichen Redebeiträgen trat auch die folklorische Tanzgruppe der Uni auf und begeisterte mit aufwendigen Kostümen und Tänzen unterschiedlicher Regionen.

Der erste folklorische Tanz - mit Leuchtmasken!

Danach trabten wir weiter in eine Bar, wo es Empanadas und Lärm gab, und ich mich mit Leuten aus den USA, der Schweiz, England, Chile und natürlich Deutschland unterhielt. Alle sprechen wirklich gut Spanisch, weil die Uni mindestens B2-Niveau verlangt. So weit, so unaufregend.

Einen wirklich schönen Ausflug starteten wir am Samstag: Es ging auf den Hausberg/Haushügel Santiagos, den Cerro San Cristóbal. Dieser Hügel ist ein einziger gepflegter und bewässerter Park mit Radwegen und Seilbahn. Hunderte Chilen:innen nutzten den freien Tag, um in schnittiger Fahrradkleidung den Hügel hochzustrampeln und oben entdeckten wir witzigerweise Menschen auf stationären Fahrrädern unter Bäumen, die gerade an einem Spinning-Kurs teilnahmen. Ein paar Meter weiter tanzte man im Rahmen eines Zumbakurses zu Reggaetón. Das Wichtige an so einer Hügelbesteigung ist natürlich die Aussicht, also hier bitte schön:

Aussicht vom Cerro San Cristóbal


Am Donnerstag ist dann ein gemeinsamer Besuch in einem Katzencafé geplant.

Stundenpläne für Fortgeschrittene

Am Mittwoch ging die Uni los. Am Donnerstag lernte ich, dass einige Kurse erst im zweiten Bimester anfangen (ab Mai) und dass es so etwas überhaupt gibt.

Von den vier gewählten Kursen finden also aktuell nur zwei statt und in einen dritten habe ich mich mal probeweise gesetzt. Jeder davon dauert allerdings auch 2,5 h am Stück und wenn ich das richtig sehe, besteht die erste Lektüre für Planificación del Desarrollo Urbano bis Donnerstag aus 144 Seiten. Vielleicht sind erst einmal weniger Kurse gar nicht so schlimm. Dazu kommt, dass über das Semester hinweg Prüfungsleistungen erbracht werden – die ersten Essays sind in zwei Wochen fällig.

Ansonsten ist mein erster Eindruck von meinen Kursen gut. Die weiblichen Profs verstehe ich sehr gut, der männliche Prof spricht nur maximal die Hälfte der Buchstaben jedes Worts aus und nutzt viele chilenische Redewendungen/Wörter, was mir das Verständnis deutlich erschwert. Es handelt sich hier aber immerhin um das Fach Gestión Ambiental Urbana (Städtisches Umweltmanagement) und in der ersten Stunde ging es um ziemliche Basics, nämlich die dreifache planetare Krise. Der Inhalt ist mir also nicht neu.

Meine Kommiliton:innen haben zum allergrößten Teil bereits gearbeitet bzw. tun das noch immer, sind also zur Abwechslung u.a. älter als ich. Ein Magíster hier kostet eine ganze Stange Geld und entsprechend aufmerksam sind auch alle im Kurs. Wir sind wenige: In Gestión Ambiental Urbana sind wir zu elft und in Planificación undsoweiter sage und schreibe drei Studentinnen plus die Professorin.

Apropos Frauenpower.

Weltfrauentag am 08. März

Am Sonntag marschierte ich von 11:00 bis 13:30 mit 40.000-500.000 (die Spannweite der Angaben ist wie immer riesig) weiteren Frauen über die zentralste Straße Santiagos, denn es war Weltfrauentag. Der Feminismus wird hier sehr großgeschrieben und die Teilnehmerinnenzahl war besonders hoch, da der 8.3. dieses Jahr auf einen Sonntag fiel. Laut, mit guter Stimmung, spitzen Plakatsprüchen, Kraft, um auf Bushaltestellen zu klettern und justifizierter Wut schritten die chilenischen Frauen von Baquedano bis Los Héroes. Zwischendrin Tanzgruppen, die trotz der sengenden Sonne durchgehend performten, und Vertreterinnen der zwei größten Fußballclubs des Landes (Colo-colo und „la U“, für Universidad de Chile), die ihrerseits stark Stimmung machten. Es war ein tolles Erlebnis.



Neben Themen wie Femizid, Abtreibung und Ungleichheit wurde auch mit einigen Plakaten und Sprechchören auf die Bedrohung durch den heute, am Mittwoch den 11.3., sein Amt antretenden neuen Präsident José Antonio Kast hingewiesen. Er ist politisch sehr rechts eingestellt und versteht sich gut mit Trump in den USA, Milei in Argentinien und Bukele in El Salvador…

Ein paar Fotos meines Airbnb-Gartens

Einfach, weil ich riesiger Fan bin. Hier lebe ich noch bis Sonntag, dann ziehe ich in eine WG um. 

Ist das eine Kletterwand da links, fragt ihr euch. Ja. Ja das ist eine Kletterwand. 

Da es im Sommer eher nicht regnet, ist man mit Sukkulenten im Garten gut beraten.


Saludos,

Karla


~ Ausdruck des Tages: Ella/Él es muy buena leche & Ella/Él me da buena espina. Wörtlich: Sie/Er ist gute Milch & Sie/Er macht den Eindruck eines guten Stachels (Referenz zu Kaktusstacheln). Kann man genauso gut auch negiert benutzen und sagt einfach aus, dass jemand cool und vertrauenswürdig ist.