Dienstag, 31. März 2026

Wie viele Hügel passen in einen Monat?

Ich grüße euch Menschen der Nordhemisphäre,

schon einen Monat lang bin ich hier in Santiago! Jeden zweiten Tag fragen mich Chilen:innen, was ich alles schon von ihrem Land gesehen habe, und jedes Mal muss ich sagen, dass ich nur die Hauptstadt kenne. Und dann flippen sie aus und überschütten mich mit Vorschlägen, was ich alles besuchen muss. Sie haben ja Recht. Aber bisher bin ich auch gut mit Hier-alles-Einrichten-und-Kennenlernen, mit Uni und mit Tanzen beschäftigt.

Was ist so passiert?

  • Karla ist umgezogen. Sie wohnt nun mit vier anderen jungen Leuten (teilweise Studis, teilweise arbeiten sie) und dem dazugehörigen Vermieter in einer ruhigen WG in wohl einem der schönsten Viertel Santiagos, Providencia.

Mein kleines Zimmer, vor Bezug.
Aussicht aus meinem Fenster. Katzencount: 5

Ich hatte mir vor Kennenlernen dieser Wohnung nie bewusst gemacht, wie anstrengend es sein muss, einen Platz für die chilenische Landkarte zu finden. 

  • Winter ist coming. Das sagte zumindest Laura vor einer Woche, als man am ersten bewölkten Tag, den ich hier erlebte, tatsächlich etwas Langärmliges tragen musste. Ich sitze zwar gerade bei den angenehmsten 25 Grad in einem Café, aber für die Chilen:innen ist der Sommer bei so etwas vorbei und der Herbst beginnt. Einmal hat es sogar bisher geregnet!
  • Am vergangenen Donnerstag (26.3.) kam ich zu spät zur Uni, weil die Metro zeitweise schloss. Das tut sie anscheinend gerne bei jeglicher öffentlichen Unregelmäßigkeit. Diesmal waren es studentische Proteste gegen die Maßnahmen der neuen Regierung unter Kast. Spezifisch gegen die Kürzung des Bildungsbudgets um drei Prozent (die Ausgaben aller Ministerien sollen um diesen Prozentsatz reduziert werden) und den Vorschlag, kostenlose Hochschulbildung für Menschen über 30 Jahren abzuschaffen. Dazu kommt Unzufriedenheit mit den seit Donnerstag auch hier drastisch angestiegenen Kraftstoffpreisen, nachdem die Regierung (wegen und zusätzlich zum aktuellen weltweiten Preisanstieg) Subventionen/Stabilisierungsmaßnahmen gestrichen hatte.

Ich bin heute extra nochmal zu der Tankstelle gelaufen, um euch ein aktualisiertes Preisbild geben zu können. Wenn ihr das Komma um drei Stellen nach links verschiebt, sind wir quasi bei Euro (Aktuell ist 1,00 Euro = 1.068 Chilenisches Pesos).

  • Die Uni. Wie sich schon im ersten Post abzeichnete, habe ich mit meinen zwei Kursen (á 6 ECTS) genug zu tun, vor allem, wenn ich an den Wochenenden etwas unternehme:

 

Planificación del Desarrollo Urbano: 

Wir sind inzwischen drei Studentinnen und ein Doktorand. Jede suchte sich ein chilenisches Fallbeispiel zu kontroverser Stadtplanung heraus und nun lesen wir jede Woche neue Literatur und wenden die daraus erlernten Methoden auf unseren Fall an. Das heißt, dass ich jede Woche ein paar Powerpoint-Slides zum Costanera Center (einer riesigen umstrittenen Mall mit Büros) erstelle und diese dann donnerstags vortrage. Mit mindestens zwei grammatikalischen Fehlern pro Satz, weil ich auf Spanisch mit solchen Themen noch nie in Berührung gekommen bin. Dazu kommen dann drei über das Semester verteilte Ausarbeitungen. Profe Magdalena ist auch Dekanin und hat uns der winzigen Kursgröße wegen in ihren Konferenzraum verlegt. Das bringt den eindeutigen Vorteil mit sich, dass wir hier immer Wasser und manchmal sogar Kaffee von ihrer Sekretärin serviert bekommen.

Gestión Ambiental Urbano

Wir sind 13 Personen, super paritätisch aufgeteilt. Auch hier wählen wir gerade Fallbeispiele in Santiago aus, anhand derer wir existierende Umweltprobleme erforschen. Ich werde mir Urban Heat Islands anhand des Stadtteils Recoleta ansehen. Dazu erstellten wir bis Freitag Diagramme, um die systemischen Zusammenhänge darzustellen, und geben in knapp zwei Wochen gleich zwei Ausarbeitungen dazu ab. Der dazugehörige Prof Kay ist nie ohne seine Mate anzutreffen und formuliert Aufgabenstellungen so maximal konfus, dass es in unserer Studi-Whatsappgruppe nach dem Kurs immer turbulent zugeht. Dafür haut Kay aber auch gerne chilenische Sprichwörter und Anekdoten heraus, wodurch ich auch nicht-Fachliches lerne.

 

Karla auf den Hügeln

Ich halte bisher die erfolgreiche Streak, jedes Wochenende auf irgendeinen (mal kleineren, mal bergigeren) Hügel hinaufgelaufen zu sein. Auf den Cerro San Cristóbal folgte Cerro Manquehuito und dann der Cerro Santa Lucía – der zählt nur vom Namen her, das ist wirklich nur eine kleine Anhöhe mitten im Stadtzentrum.


Cerro Manquehuito mit Juan Carlos
Aussicht vom Cerro Santa Lucía mitten im Stadtzentrum
Am Fuß des Cerro Santa Lucía mit Jess

Gestern lief ich spontan mit fünf Leuten, von denen ich vorher nur meinen Mitbewohner kannte, etwas weiter weg zum Salto de Apoquindo, also einem Wasserfall. 
8,5 km hoch, 8,5 km runter. 
Verdammt anstrengend mit der sengenden (herbstlichen!) Sonne, aber die quasi semi-aride Landschaft (wenn auch per Definition mediterran) zahlte es uns mit Schönheit zurück. Wir trabten an riesigen, teilweise in Blüte stehenden Kakteen vorbei, duckten uns unter Seifenrindenbäumen hinweg und genossen einfach die Ruhe inmitten dieses Vorgebirges. Ich lernte, dass 1,2 Liter Wasser für solch eine Exkursion bei weitem nicht ausreichen und folgerichtig, meinem Magen das Flusswasser anzuvertrauen. (Das Wasser war köstlich und hat niemandem geschadet.) Mit An- und Abreise in Metro und Bus (genannt Micro) waren wir 11 h unterwegs.

Im Parque Natural Aguas de Ramón, auf dem Weg zum Wasserfall.

Unterwegs gab es zwei Mal Handyladestellen!


Angekommen am Salto de Apoquindo. Der liegt übrigens auf ca. 1.600 m Höhe.

Team Geschlosseneaugen: Mario, Vale, Karla, Daniel, Max.

Die sechste im Bunde, Lissi, lief immer vor und verpasste die Fotos.

Und was mache ich, wenn ich nicht auf Hügel hochlaufe?

  • Montags bis mittwochs steht immer Unikrams an. Dafür habe ich ein superschönes Café 2min von meiner Wohnung entfernt für mich entdeckt, wo nie viel los ist, der Cappuccino 2,80 € kostet, richtig gute Musik läuft und die Baristas mich inzwischen kennen und mir Tipps für meine Projekte geben. Dort arbeite ich mich durch Lektüren über rational-komprehensive und systemische Städteplanung, erstelle PowerPoint-Folien und Diagramme und manchmal schreibe ich auch Blogposts.
  • Drei Mal die Woche finden in einem Park Salsa- und Bachatakurse statt, zu denen ich bisher zwei Mal am Dienstag ging und immer mehr Internationals mitschleppe. Eine Stunde Bachata, eine Stunde Salsa, danach kurz freies Tanzen. Die Kurse finden in drei Niveaustufen statt, die sich wirklich stark unterscheiden. So Freilufttanzen hat einfach immer was!
  • Dazu fand ich vergangene Woche endlich ein Fitnessstudio, das mich wirklich begeistert, sodass ich auch dort einige freie Stunden meiner Tage verbringen werde.
  • Und dann gibt es noch in unregelmäßigen Abständen durch cauc (die Internationale-Studierende-Bespaßungs-Initiative von Studis meiner Uni) Veranstaltungen wie „Kommt, wir gehen in ein Katzen-Café“, „Diesen Hügel müsst ihr auch noch sehen“ oder „Die nationalen Feiertage sind zwar schon seit September vorbei, aber kommt am Samstag in diesen Park und dann spielen wir das ein bisschen für euch nach“. Am Mittwoch sahen wir gemeinsam den chilenischen Spielfilm Mala Junta im Unihörsaal.
Spiele im Park wie bei den Nationalfeiertagen zum 18. September. 

Außerdem gab es das für diese Feiertage typische Getränk "Terremoto" (Erdbeben), das aus Ananas-Eis, Granadina und Vino Pipeño (bestimmter chilenischer Wein) besteht.


Am Ende wurde den Teilnehmenden noch der traditionelle chilenische Tanz Cueca, den man immer mit Taschentuch zu bestreiten hat, beigebracht.

Saludos, 

Karla


~ Wort des Tages: „Viejito Pascuero“. Ihr dachtet, Weihnachtsmann auf Spanisch heißt Papá Noel? Nope, nicht in Chile. Hier nennt man ihn „Alter Oster..ling“ oder so. Jedenfalls referiert man damit Pascua, also Ostern. Ich hatte gerade eine lange Diskussion mit meinen Lieblingsbaristas darüber und sie sind selbst verwirrt, warum sie manchmal (!) Weihnachten (Navidad) als Ostern (Pascua) betiteln.



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